Konzert: Slipknot in der Stadthalle Wien

Ich bin alt. Ja, wirklich alt. Ich dachte dies bislang auch nicht, aber das Konzert heute überzeugte mich davon. Das Durchschnittsalter dürfte um die 15 Jahre gelegen haben und demnach bin ich überdurchschnittlich alt.
Gut, das war soweit nicht anders zu erwarten, denn Slipknot zieht natürlich in diesem Alter die Fanscharen an, ich bin mir allerdings nicht besonders sicher, ob die begeisterten Zuhörer so genau wissen, was Herr Taylor da auf Bühne vorsingt und lauthals eingestimmt wird.

The Pulse of the Maggots

In Wien bin ich jetzt schon einige Jahre, die große Stadthalle (das ist Halle D), kannte ich bislang allerdings nicht von innen. Das betrachte ich als Auszeichnung, denn das spricht nur für meinen exzellenten Musikgeschmack, wenn dieser normalerweise nicht die ganz großen Hallen in den Großstädten füllt. Heute lies sich das aber nicht vermeiden, denn die Massen, die sonst bei Tokio Hotel sind, waren heute also wohl auf der selben Veranstaltung wie ich. Der 2. Rang war nicht geöffnet, so wurde die Kapazität künstlich nach unten korrigiert, was das offiziell ausverkaufte Haus erklärt. Am Ende erlebten also von mir vorsichtig geschätzte 12.000 Mithörer das Auftreten der “Neun”.

Üblicherweise falle ich mit meinem äußeren Erscheinen im biederen, bürgerlichen Wien einigermaßen auf. Ich dachte zuweilen schon, ich wäre der einzige meiner Art - wer mich kennt, weiß wie ich üblicherweise rumlaufe. Aber jetzt weiß ichs genauer: Ich bin nur der eizige meiner Art, der auch in Boots und BDU-Hosen zur Uni tappst. Am Wochenende verwandelt man sich wohl zu Hauf in meinesgleichen. Gut, das Alter betrachtend, wird das Mama sonst wohl verbieten, überhaupt sorgten besorgte Eltern dafür, dass ich eben doch nicht zur ältesten Generation heute gehörte.
Ein wenig deplatziert, zuweilen konsterniert beobachtete ich diverse Eltern, die schockiert sahen, was der Sohnemann für unzüchtige Teufelsmusik hört.

Leider waren vor über einem Monat, als ich meine Karte kaufte (deren Preis übrigens mit 42,50 Euro Rammstein-Verhältnisse erreicht - genauso wie die T-Shirt Preise von 30 Euro) nur noch Sitzplätze verfügbar. Die Sicht ist da natürlich unübertroffen und der Vorzug nicht ewig und drei Tage auf den Einlass hoffen zu müssen, ist auch nicht zu verachten. Dennoch kommt die Stimmung natürlich nicht an einen Stehplatz in Bühnennähe heran. Doch spätestens beim Headliner, also Slipknot staunte ich nicht schlecht, als große Teile der Zuschauer auf den Sitzplätzen aufsprangen und für ähnlich gute Stimmung auf den Rängen sorgten. Das war bei Disturbed letztes Monat anders.

Der Abend begann für ein Konzert ziemlich früh mit einem Konzertbeginn um 19:00 der Children of Bodom. Das sahen viele Zuschauer wohl ähnlich und so füllte sich die Halle noch während des Auftritts erheblich. Vielleicht wollte man sich aber auch nur die Finnen ersparen. Wer solls jenen verübeln, die Kollegen sind wahrlich keine Unbekannten und so weiß man, was man erwarten kann und das ist: nichts.
Ok, ein bisschen mehr vielleicht schon, aber seien wir ehrlich, die Kinder vom Bodom-See haben ihren Zenit lange überschritten und ihre letzten Alben sind eher zu belächeln, als ernst zu nehmen. Das ist durchaus eine Schande, denn angefangen haben diese sehr stark. Ich mochte die alten Alben wirklich, aber davon ist nichts mehr zu hören. Vielleicht lag es auch nur an meiner Meinung von den Kollegen, aber ich fand, den Finnen sah man diese träge Lustlosigkeit direkt an. Entsprechend unterkühlt gab man sich auf der Bühne - klar, das ist Show schließlich versteht man sich als beinharte, böse, brutale Death Metal Band. Aber Kaltlicht und gelangweilt auf der Bühne rumstehen ist kein Stil, das ist einfach langweilig (und selbst das kriegt man besser hin, man schaue bei den Schwarzmetallern von Dimmu Borgir oder Gorgoroth vorbei). Sollte ihnen vielleicht mal gesagt werden. Gut, dass man für die Setlist der Finnen lediglich eine halbe Stunde vorsah. Das anwesende Publikum foderte auch nicht gerade mehr. Ich nutze die Zeit, ein wenig die Lage zu sondieren, immer beliebt bei mir: Band-T-Shirts untersuchen. Ich fand ganz viel Slipknot (keine Überraschung - maximal in der erdrückenden Anzahl die dem Merchandise-Stand wohl gewaltige Umsätze bescherte) und ein wenig Machine Head. Doch wirklich spannend sind eben jene Kolleginnen und Kollegen, die mit T-Shirts von Bands aufkreuzen, die gar nicht auf dem Konzert spielen. Offenbar hört man neben Slipknot also demnach vor allem In Flames, Dimmu Borgir, Rammstein, Marilyn Manson und man höre und staune, das machte meinen Tag: Celine Dion. Ja das ist mein Ernst.

Zwischen Children und Bodom und Slipknot als Headliner schob man noch eine Truppe Amerikaner ein: Machine Head. Die kamen beim Publikum wesentlich besser an (was vermutlich auch daran liegt, dass “Machine Fucking Head” die bessere Band sind). Im 50 minütigen Set lies man jedenfalls kein Fell auf dem Schlagzeug zur Ruhe kommen und prügelte unentwegt darauf ein. Nichts anderes hatte ich von einer Thrash Metal Band erwartet. Auch wenn ich grundsätzlich am klassischem Bay Area Thrash Metal (Metallica!) meine Freude habe, kann mich diese neumodische Gehaue nicht nachhaltig überzeugen. Soll heißen, MH ist nicht unbedingt mein Fall, aber immerhin kam keine Langeweile auf.
Die Performance war wesentlich besser, die Lichtshow durchdachter und Sänger Flynn hat offenbar ein neues Lieblingswort: “Prost!”, brüllte er nach jedem zweiten Song der “really fucking greatest drunken crowd” zu. Dem Publikum schiens jedenfalls zu gefallen, die Stimmung verbesserte sich merklich, und die ersten Damen und Herren bevölkerten wild headbangend und Luftgitarre spielend die Aufgänge der Ränge. Vor der Bühne kriegte man gar den einen oder anderen Circle Pit nach Anweisung des Sängers hin.

Die Umbaupause hielt sich danach in Grenzen, als auch schon AC/DC’s “For those about to Rock” in voller Dröhnung aus der Tonanlage kam. Unter dem anwesenden Publikum hatte sich allerdings noch nicht herumgesprochen, dass Slipknot (genau wie Metallica im übrigen) dies als letzten Song vor Konzertbeginn spielen lässt, so wurde es erst richtig laut, als die Musik und Licht ausging. Angesichts der folgenden Bühneshow folgte ein relativ unspektakulärer Bühnenauftritt und man legte auch direkt nach All Hope is Gone Intro mit “Surfacing” vom allerersten Album los und legte gleich die ehemalige Single “The Blister Exists” nach.
Richtig laut wurde es allerdings im Publikum, als nach Begrüßung durch Corey Taylor (der bei jeder Ansage ans Publikum appellierte, eine große gemeinschaftliche Familie zu sein) “Before I Forget” angespielt wurde.

Textsicher präsentierten sich dabei meine jungen Mit-Wiener, so - ich gebs ja zu - konnte ich mich auch nicht mehr auf meinem Sessel halten und wechselte mal eben ganz unverschämt in die stehende Fraktion an den Aufgängen. Die neun Madenjäger auf der Bühne gaben ihr Bestes und lieferten spätestens ab da eine mehr als solide Show ab. Die Bühne war dabei schlicht industriell. Im Hintergrund ein gewaltiges “All Hope is Gone” Banner über dem bekannten (neuen) Logo. im Vordergrund links und rechts die beiden Perkussionisten mit ihren Werkzeugen, zentral in der Mitte Joey mit seinem gewaltigen Schlagzeug und praktisch unsichtbar im Schatten hinten links und rechts die Kollegen an den Turntables bzw. was auch immer die da machen. Selbst die große Bühne der Stadthalle ließ ziemlich wenig Platz für neun Leute, sodass einige davon untergingen.

Ich frag mich ja überhaupt, was die Herren da alle für ihr Handwerk beitragen, wenn man ehrlich gesagt auf einen Perkussionist und die Leute die sich “DJ” nennen verzichten würde, wäre es auch wieder etwas geräumiger auf der Bühne, ohne dass sich für den Sound Nachteile ergäben. Für die Stimmung auf der Bühne ist das vermutlich aber nicht förderlich, denn dadurch dass Herr Jordison auf seinem Schlagzeug gut arbeitet, haben die beiden Trommler teilweise wenig zu tun und nutzen die Zeit entsprechend für Ausflüge ins Publikum oder auf den höhenverstellbaren Trommeln herum zu turnen.

Mit “Dead Memories” (und direkt darauf “Psychosocial”) spielten Slipknot danach die einzigen Stücke vom neuesten Album, das fand ich etwas schade, da ich mich sehr über Sulfur oder Snuff gefreut hätte, die ich für die stärksten Stücke von All Hope is Gone halte. Dieses Intermezzo nutzte Taylor auch gleich um sich artig für die (erste) Goldene Schallplatte in Österreich zu bedanken.

Für mich bei Konzerten dieser Größe ungewohnt ist, dass man komplett auf Leinwände und aufwendige Visualisierungen verzichtet hatte. Das machte es mir leider unmöglich Details zu den Masken und der Bühne aus der Nähe zu sehen, da ich doch einigermaßen weit weg von der Bühne war. Andererseits konnte ich mich so mehr auf die Performance konzentrieren, die auf stetige Showelemente und ausgefeilte Lichtshow (für die man zwei arme Kollegen in schwindelerregende Höhen auf die Aufbauten setzte um große Scheinwerfer zu bedienen) bedacht war. So konnte ich mich wirklich auf Atmosphäre und Musik konzentrieren, was mitunter nicht das schlechteste ist. Vor allem, weil es soviel Musik gar nicht zu hören gab, das gesamte Set umfasste mit Zugaben 16 Songs oder 1:45 Stunden, da geht noch mehr.

Großes Kino bot, wie zum Ausgleich dafür, einmal mehr Schlagzeuger Jordison (Taylor: “Joey, give it to the family“), der beim letzten Song, “(sic)”, mal eben mitsamt Schlagzeug auf einem Podest abhob und sich Schlagzeug spielend im 90 Grad Winkel dem Publikum zuwandte.

Die Setliste, soweit ich mich erinnere:

  1. Surfacing
  2. The Blister Exists
  3. Get This
  4. Before I Forget
  5. Liberate
  6. Disasterpiece
  7. Dead Memories
  8. Psychosocial
  9. The Heretic Anthem
  10. Prosthetics
  11. Spit It Out
  12. Duality
  13. Only One
  14. (515)
  15. People = Shit
  16. (sic)

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5 Antworten auf »Konzert: Slipknot in der Stadthalle Wien«

  1. Wie alt bist du den? 18? 100? :P

    Opa Ganu - 29. November 2008 um 09:03

  2. Oder irgendwo dazwischen.

    Arno - 29. November 2008 um 14:23

  3. Celine-Dion-Shirt regelt ma derbst auf so ‘nem Konzert. Das merk ich mir mal :)

    mike - 29. November 2008 um 18:44

  4. Na, Metal-Hörer sind nun wirklich nicht so selten, wie du es darstellst. Sie mögen zwar ein wenig verstreut sein, aber ich glaube, man findet sie so ziemlich überall. Außer vielleicht in Innenstadthauptschulen, wo die Hipfhüpferkultur dominiert, aber das ist ein anderes Thema.

    Jesus Hussein Christus - 29. November 2008 um 20:45

  5. Dieser Weg ist zwar blöd,aber eine andere Kontaktmöglichkeit kann ich auf deiner Seite nicht finden.Ich gehe mal davon aus,dass du in Wien wohnst.Kannst du eine sehr billige Übernachtungsmöglichkeit empfehlen?Habe vor,Wien mal zu besuchen und suche ein Einzelzimmer.

    Christoph - 25. September 2009 um 13:30

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