Reingehört: Metallica - Death Magnetic

Aufgeregter Herzschlag, endlich ein neues Metallica Album. Das vermittelt “Death Magnetic” gleich im Eröffungstrack “That was just your Life“. Seit Wochen läuft die Metallica Propagandamaschine und kündigt das neueste Werk an. Schon die ersten Riffs, die ersten Akkorde machen klar: das Album ist jetzt schon besser als “St. Anger”. Das war zugegeben auch nicht besonders schwierig, wusste doch niemand so recht was mit St. Anger anzufangen war.

Wirklich neu mag niemanden diese Nachricht sein, immerhin wird dieses Album seit Monaten exzessiv beworben und seit Jahren werden vereinzelt Tracks von diesem Album live gespielt. Die begleitende Medienkampagne ist riesig, die Erwartung der Fans ebenso, denn Death Magnetic soll alles neu machen.

Neu ist dabei mehr als nur der Name des Albums, nichts erinnert mehr an das unzugängliche St. Anger, wenig an die bluesigen Einflüsse auf Load und Reload. Dabei macht bereits der Opener klar: Die Solos sind zurück, die typisch eingängigen Strukturen ebenso. 2008 klingt Metallica wieder nach Metallica, wie man sie vor Jahren lieben gelernt hatte. Man besinnt sich auf die stärken vergangener Tage und macht da weiter, wo vor Dekaden “… And Justice for All” aufgehört hat. Nach Eskapaden wie Load, Reload und das schwer zugängliche St. Anger kehrt man man dahin zurück, wo man mit dem “Black Album” einst abdriftete.

In ordentlichem Temp wird auf die Felle geprügelt von melodischen Riffs begleitet und - gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit - auch die Solos. Derlei Töne hörte man von Metallica zuletzt 1989 mit “… And Justice for All”, kurzum Metallica verdient die Kategorisierung in das Genre “Thrash Metal”, dessen stilprägende Ikonen sie immerhin sind, wieder völlig zurecht. James Hetfield hat ebenso wieder zu seinem gewohnte Gesangsart zurückgefunden und klingt nicht mehr wie eine heulende Memme.

Weiterhin klingt der E-Bass wieder voller und runder, was nicht zuletzt darauf zurück zu führen ist, dass erstmals Herr Trujillo auf Studio-Aufnahmen zu hören ist, während auf St. Anger die Bassspur vom Produzenten Bob Rock stammt. Erstmals beteiligten sich auch alle Band Mitglieder an den Texten. Zu hören ist das nicht unbedingt, die Themen sind die gewohnten, durchaus philosophisch angehaucht sprechen die Texte vom kleinen Leben, das im Zeitraffer vorbeirauscht, vom Aufstand des kleinen Mannes und beizeiten einigermaßen nihilistisch aber nicht all zu tiefgründig.

Ein altes Problem von St. Anger offenbart sich aber bereits bei “The End of the Line“, nach drei bis vier Minuten Song ist alles gesagt, dennoch zieht sich jeder Song mindestens 6:30 Minuten, auch lange Solos und dekorativer Text ohne wirkliche Aussage können da nicht wirklich Abhilfe schaffen. Vielleicht ist es Größenwahn, vielleicht Ignoranz, aber wenn man von jedem Song ein bis zwei Drittel kürzen würde, wäre das auch kein Schaden. Immerhin gelingt es aber in diesen Tagen, anders als auf dem Vorgänger, keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Spätestens mit “Broken, Beat & Scarred” wird Metallica endgültig klassisch, melodisch fast schon seichte Anleihen bei Iron Maiden verfolgend. “Rise, fall, down, rise again. What don’t kill you make you more strong” und “We die hard” singt James und meint sich womöglich selbst.

The Day that never Comes” greift auch direkt den melancholischen Zeitgeist auf, den ein wenig Emo muss man heutzutage wohl auch im hohen Alter noch sein:

Waiting for the one
The day that never comes
When you stand up and feel the warmth
But the sunshine never comes
No the sunshine never comes”

Das erinnert in der Form an “The Unforgiven II”. Die vermittelte Stärke entspringt hier nicht hohen Gitarrenwänden sondern einem kraftvollen Schlagzeug und einem unruhigen James, der mal ruhig, mal schreiend singt.

All Nightmare Long” klingt auch so, wie sich ein Albtraum anhören muss. Unbequem, hektisch, angsteinflößend. Lyrisch wird der Hörer vor unerreichbare mächtigen Riffs und abgrundtiefen Schluchten abgesetzt. Ein sehr starker Song.

‘Cause we hunt you down without mercy
Hunt you down all nightmare long
Feel us breathe upon your face
Feel us shift, every move we trace

Dies wird auch musikalisch rübergebracht. Das folgende “Cyanide” hingegen wurde bereits im Vorfeld veröffentlicht und auf diversen Konzerten gespielt. Diese Aufmerksamkeit verdient der Song bestimmt nicht und ist definitiv einer der schwächsten Songs des Albums, was andererseits die Hoffnungen im Vorfeld auf einem angemessenen Level hielt.

Dieser weckt nämlich starke Erinnerungen an die Phase in den Neunzigern (Load, Reload) und erschwert den Zugang zum Song, der von wechselnden Strukturen und uneingängigen Melodien geprägt ist. Es wechselt sich brachiale Härte mit mal seichtem Blues-Rock ab. Das ist kein halbes und kein Ganzes. Den Song hätte man das Schicksal zukommen lassen sollen, das er textlich behandelt: den Suizid.

The Unforgiven III” will offensichtlich den Bogen zu vergangen Zeiten spannen. Textlich die direkte Fortsetzung zu “The Unfogiven II” und dessen Vorgänger will es musikalisch da weiter machen, wo “Nothing Else Matters” 1991 aufgehört hat: Streicher im Hintergrund mit melodischen reflexiven Gesang voller Sentimentalität:

How can I be lost, if I’ve got nowhere to go?
Searched the seas of gold, how come it’s got so cold?
How can I be lost? In remembrance I relive
How can I blame you, When it’s me I can’t forgive?

Sicher kein neues “Nothing Else Matters”, aber ein durchaus solides Werk, was durchaus damit zu tun haben mag, das ich die Unforgiven-Serie schon immer mochte.

The Judas Kiss” wandert geschichtsträchtig auf alten Pfaden und kehrt nicht nur thematisch sondern auch musikalisch wieder zu dem zurück, was Metallica einst groß machte. Eine Progressivität, die das mitunter wichtigste Metal-Genre prägte. Thrash Metal ist wieder da, nicht mehr so gekünstelt und aufgezwungen wie auf St. Anger, sondern glaubhaft und voller Überzeugung. Der Tradition schließt sich auch “Suicide & Redemption” an, denn dabei handelt es sich um ein Instrumentalstück. Das erste veröffentlichte Instrumentalstück seit Dekaden und geht schwungvoll sowie eingängig zur Sache, erreicht aber trotzdem nicht alte Meisterwerke an denen noch Cliff Burton beteiligt war (”Orion”!). Aber verstecken braucht man sich damit wahrlich nicht.

My Apocalypse” schließt den Kreis und beendet die zwei Schritte zurück in der Bandgeschichte. Bei laut.de erkennt man gar Slayer wieder. Das mag etwas weit hergeholt sein, verdeutlicht aber die Verrohung der melodiösen Songstrukturen zu harten, stetig vorwärts treibenden Riffs, die im Mainstream wenig Zugang finden dürften. Für die Kenner guter Musik hingegen ein starker Song. Meine Apokalypse, ganz am Ende versteckt, ist auch der Song, der dem Album den Titel gibt:

Deadly vision
Prophecy reveal
Death magnetic
Pulling closer still
Fear thy name: Annihilation
Desolate inhale the fire

So we cross that line
Into the grips
Total eclipse
Suffer unto my apocalypse

Zusammen mit “All Nightmare Long” und dem Opener “That Was Just Your Life” das beste Werk auf dem Album. Mit Death Magnetic kann Metallice mit Sicherheit wieder einige Punkte bei alten Fans zurück gewinnen und beweisen, dass man auch nach 25 Jahren Bandgeschichte noch gute Alben hinlegen kann. Kein Grund aber überschwänglich zu werden, die ganz große Offenbarung ist auch Death Magnetic nicht, wenn es aber auch enorm an Boden gut machen kann, wenn man das Schwarze Album von 1991 als letztes wirklich gutes Album betrachtet.

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3 Antworten auf »Reingehört: Metallica - Death Magnetic«

  1. Entschuldige, aber “Unforgiven III” kann ich überhaupt nichts abgewinnen. Hätte ein Song neben allen anderen werden können, aber kein Unforgiven. Metallica enttäuscht mich seit Jahren schon, was aber nicht so tragisch ist, da ich mit dieser Band abgeschlossen habe.

    Wollt das nur mal in den Raum werfen, auch wenn ich wahrscheinlich eh nicht auf Gleichdenkende stosse.

    xeno - 25. Oktober 2008 um 17:22

  2. Bei Ersterem kann ich dir sehr wohl zustimmen. Es passt einfach nicht zu den vorherigen Unforgiven-Teilen. Aber auch wenn es den Titel “unforgiven III” nicht verdient hat ist es trotzdem ein guter Song. Letzteres kann ich nur als deine Meinung akzeptieren. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre die ganze schlechte Kritik zu Load, Reload und St. Anger gar nicht aufgekommen, da auch diese Alben sehr gut sind.

    marcel - 18. April 2009 um 00:28

  3. The Unforgiven III ist schon geil. Der Stil unterscheidet sich eindeutig von den beiden vorgängern, trotzdem passt das Lied auch nicht wirklich zu den anderen Liedern des Albums. Sogesehen betrachte ich das Lied als “Bonus” und das hat Metallica mit dem Titel eindeutig klar gemacht.

    Ansonsten stimme ich im großen und ganzen vollkommen mit dir überein, da gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen :)

    michi7x7 - 11. Oktober 2009 um 21:13

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