Angriff der Teutonen

Nun ist verständlicherweise nicht jeder in einer Großstadt aufgewachsen. Große Konzerte, Sportereignisse und U-Bahnen kennt man auf dem Lande nicht. So war es für mich natürlich zunächst ein anderes Leben in einer Millionenstadt, nachdem ich 20 Jahre in einer Kleinstadt weitab von allen größeren Metropolen verbrachte.

Man gewöhnt sich auch sehr schnell an die Vorzüge eines funktionierenden öffentlichen Nahverkehrs und daran Konzerte bequem und unkompliziert zu erreichen. Doch eines, das kennt man in Österreich aus sportlichen Gründen natürlich kaum: Fußballspiele die Massen anziehen. Bis heute.

Das gabs seit 1938 nicht mehr!

Grundgütiger! Ich staunte nicht schlecht, als ich vorhin nichtsahnend die Außenwelt betrat. Gut, dass in Österreich und Wien die Fußball-EM stattfindet ist mir nicht neu und für Fußball kann ich mich natürlich auch begeistern, aber so etwas wie heute habe ich auch bei den Spielen der letzten Woche vor Ort hier nicht erlebt.

Krieg? Ein neuerlicher Anschluss? Nein, nur ein Fußballspiel. Aber was für eines, für ein Land, dessen größter Erfolg ein in diesen Tagen mehr als überstrapazierter unbedeutender Vorrundensieg gegen eben jene Teutonen vor dreißig Jahren ist. Entsprechend großes Interesse weckt eben auch die Wiederholung eben jener Begegnung heute Abend, hier in Wien. Österreich - Deutschland.

In der Tat dürfte diese Stadt eben seit jenen Tagen 1938 nicht mehr einen derart inflationären Einfall von Teutonen in diesem Land erlebt haben. Die ganze Stadt ist voller angetrunkener, Bierfdosen tragender Podolskis, Kloses und Leuten mit lächerlicher Kriegsbemalung im Gesicht und rythmischen Kriegstrommeln folgend die laut gröhlend durch die Fußgängerzonen Wiens ziehen. “Ohne Deutschland, wär’ hier gar nichts los” brüllte mir ein Fahnenträger der anderen Art in der U-Bahn entgegen, sodass der Mensch damit den Black Metal auf meinen Ohren übertönte - stimmt nicht, dachte ich, denn in der Tat scheint auch ganz Österreich heute in Wien versammelt um sich gegen den Anschluss (oder wars ein Fußballspiel?) zu erheben. Nun muss man wissen, dass die Österreicher zu den patriotischsten Völkern dieser Erde zählen und so fühlt man sich naturgemäß verpflichtet der Invasion Einhalt zu gebieten und leistet erbitterten Widerstand. Und so streuen sich unter die Teutonen mindestens genauso viele Ösis die, die bittere Realität verachtend, ebenso in rot-weiß-roten Uniformen die den Sticheleien der Invasoren lautstark entgegnen.

Fußball ist gut und richtig, aber für mich gibt es deswegen noch keinen Grund laut gröhlend und bemalt durch die Städte zu ziehen, aber bitte die Dalai Lamas dürfen das ja auch. Für mich gibt es sowieso nur zwei Ziele bei Fußball Europa- und Weltmeisterschaften

  1. Italien muss den Titel holen.
  2. Deutschland darf nicht den Titel holen, idealerweise muss Deutschland noch vor Italien ausscheiden.

Da es mit 1 wohl diesmal nicht so zu klappen scheint, ergeht automatisch das Sekundärziel was bedeutet, dass ich heute Abend Österreich-Fan bin. Das hätte ich auch niemals gedacht.

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13 Antworten auf »Angriff der Teutonen«

  1. Armer kranker Mensch…
    Wach auf und lebe in der Realität.

    John McClaine - 16. Juni 2008 um 18:27

  2. Patriotismus allein macht das Kraut eben auch nicht fett.
    Weil Du aber die gute, die richtige Musik hörst sei Dir verziehen, ein schlechter Verlierer zu sein.
    ;-)

    teutonische Leser - 17. Juni 2008 um 09:02

  3. Das wäre ja auch mehr als ein Wunder gewesen. Nun müssen es die Italiener wohl doch noch selbst richten. :o)
    (Nein, ich bin nicht besonders zuversichtlich, aber hey, gegen Portugal ist für euch auch Schluss.)

    Arno - 17. Juni 2008 um 10:03

  4. Mich wundert, dass selbst du, der sich sonst ueber jede Massenbewegung echauffiert, in diesem Fall Teil der Masse wirst.

    Aber wenn’s um Fussball und Nationen geht, werfen fasst alle ihre Prinzipien ueber den Haufen…

    glidesurfer - 17. Juni 2008 um 18:18

  5. Wenn Deutschland gegen Portugal verliert, ist mir das durchaus recht, denn mir gehen die stundenlangen und elends lauten Autokorsos mächtig auf die Nerven.

    teutonischer leser - 18. Juni 2008 um 07:25

  6. Der Spuk ist leider noch nicht vorbei.

    Es ist schon lustig, wenn man unter lauter Deutschland-Fans ganz laut “Portugal!” bruellt. Nicht, dass ich mich fuer den Verein interessieren wuerde, aber man provoziert doch gern einmal :).

    Und zu dir, teutonische Leser: word!

    glidesurfer - 20. Juni 2008 um 19:47

  7. Es ist geschehen. Die Türkei hat gewonnen, der Autokorso dauerte bis heute morgen 3:00h. Und “die” finden auch immer Wege, den Lärm zu steigern.
    Erst war es ein Hupen, dann war es Hupen+Grölen, irgendwann Hupen+Grölen+Silvesterfeuerwerk und dann Hupen+Grölen+Silvesterfeuerwerk+Alarmsirene, so eine Art Martinshorn.

    Persönlich glaube ich, daß des “denen” nicht ums feiern geht, sondern das das ein Wettbewerb ist um zu ermitteln, wer lauter und nerviger ist. Außerdem scheint die türkische Begeisterung bei so manchem etwas politisches zu haben, denn es werden türkische Fahnen auf die Motorhauben der klischeehaften Türken-Proll-BMWs geklemmt, die das Konterfei des Staatsgründers Atatürk zeigen. Ich denke dann immer, daß die Klischeetürken nicht verstanden haben, daß es hier nur um Fußball geht, um den sportliche Wettstreit und nicht um Politik und Türkentum.

    teutonischer leser - 21. Juni 2008 um 08:02

  8. Tja, Portugal ist draußen, Österreich sowieso, also ist doch die Welt in Ordnung…

    Nur was passiert, wenn Deutschland gg. die Türkei gewinnt? Pöbeleien? Schlägereien? Straßenschlachten?

    Wir werden sehen

    Uncle_Sam - 21. Juni 2008 um 16:18

  9. Sowas wie das da?

    Aber die Frage ist doch eher, was passiert, wenn die Türkei gegen Deutschland gewinnt? Werdet ihr euch dann wochenlang als Ausländer im eigenen Land fühlen?

    Arno - 21. Juni 2008 um 16:42

  10. Angriff durch Anti-Christen,
    durch behämmerte Blogger mit
    Neigung zu satanistischer Musikgruppen.

    Anti Anti-Christ - 22. Juni 2008 um 16:06

  11. @Arno

    nein ich denke, das wird nicht das Problem sein. Ich kann auch mit einem Sieg der Türken leben - nur umgekehrt können einige, junge Türken wahrscheinlich nicht damit leben… Bisher gabs die Ausschreitungen auch nur dann, als die Türkei verlor.

    Uncle_Sam - 22. Juni 2008 um 17:22

  12. SCHLANDDDDDDDDDDDDDDDDDDDD

    weau - 22. Juni 2008 um 17:47

  13. Falls die Türkei heute abend gewinnen sollte, leite ich deathmetal.at über die Stereoanlage und drehe das Ding so laut, daß “denen” Hören und Sehen vergeht. ;-)

    teutonischer leser - 25. Juni 2008 um 09:33

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