Ach du lieber Buddha!

In einer unglaublich lauten Welt voller Informationsüberladung durch seichte Medien mit bescheidenen journalistischem Interesse und mehr als zweifelhafte Unterhaltung durch angebliche Musiker wie Sido und Bushido sucht der großstädtische Teilzeitphilosoph nach Ruhepolen und spirtuellen Ausgleich. Immer mehr finden diesen im Buddhismus und loben diesen für die angeblich hohe Toleranz gegenüber anderen Denk- und Glaubenssystemen.

Das halte ich für Blödsinn, aber meinetwegen soll sowieso jeder machen was er mag, solange man mich nicht damit tangiert. Die ach so toleranten Buddhisten und Unterstützer selbiger gehören aber definitiv nicht dazu. Man kann in diesen Tagen durch keine größere Stadt laufen, ohne ständig von lautem “Free Tibet!” skandierendem Pöbel belästigt zu werden. Dumm nur, dass die wenigsten Mitgröhler und -läufer auch nur die geringste Ahnung über die Geschichte Tibets haben.

Tibetanische Rattenfänger

Der Mensch braucht Feindbilder. Einfach ein Volk oder Völkchen, dass man ablehnen kann, nur damit man sich besser fühlt. Schlicht den einen Sündenbock, den man für das Übel in der Welt verantwortlich machen kann. Als pseudo-intellektueller Birkenstock und Tennissockenträger solidarisiert man sich dann zum Beispiel mit den Erniedrigten und Beleidigten und tritt einfach gegen die Feindbilder anderer Leute ein. Etwa die der tibetischen Buddhisten: Die großen bösen Rotsocken aus China, die auch noch böse Kommunisten sind!

In der westlichen Welt ist das ganz einfach: ein paar unschuldig aussehende friedensliebende Mönche fordern friedlich die Unabhängigkeit von China, während der große böse Kommunist Panzer in Lhase einrollen lässt. Tibet gut. China böse. Und weil es im eigenen Land nichts zu marschieren gibt, wenn nicht gerade 1. Mail ist, solidarisiert man sich eben mit den armen Mönchen. So einfach könnte das sein, wenn es nicht kompletter Blödsinn wäre.

Buddhismus ist dummerweise nicht diese pazifistische, tolerante Weltanschauung, wie alternativ wirkendes Volk in den Fußgängerzonen behauptet. Buddhismus ist nicht der eingangs erwähnte spirtuelle Ausgleich wie von Richard Gere inspirierte Teilzeitbuddhisten im westlichen Teil der Welt behaupten. Buddhismus ist nicht mit “Stoppt den Völkermord in Tibet” Transpartenten auf Fahrrädern durch die Gegend fahren und Buddhismus ist auch nicht medial inszenierte Proteste in europäischen Metropolen beim olympischen Fackellauf.

In einigen Monaten finden olympische Spiele in China statt und plötzlich inszeniert man sich perfekt und medienwirksam in den Städten und kann sich der Unterstützung hierzulande sicher sein. Wie erwähnt, soll man machen und glauben was man mag, aber ich möchte davon nicht belästigt werden und wenn ich nicht einmal mehr über die Kärtner Straße laufen kann ohne ständig von diesen Leuten und ihren europäischen Unterstützern belästigt zu werden, dann ist dieser Punkt überschritten. Darauf kann ich gerne verzichten, zumal das Bild von diesem komischen Brillenträger namens Dalai Lama und dem dahinter stehenden Buddhismus extrem verklärt ist und wenig mit der Realität zu tun hat. Ja, man gibt sich als friedliebende Botschafter und man wird ohne Zweifel von nationalistischen chinesischen Tendenzen in Zaum gehalten und ich würde kein Stück besser oder schlechter schlafen, wenn Tibet morgen unabhängig von Peking wäre. Was mich stört ist einzig diese unglaubliche Falschheit, mit der Kollege Lama und Konsorten auftreten. Vielleicht sollte man in Europa mal ein paar Wissenslücken füllen?

Geschichtsupdate

Der so friedliche aussehende Dalai Lama hatte eine ganze Reihe von Vorgängern, die bis zur Besetzung durch China nicht nur geistlicher Würdenträger, sondern auch höchster weltlicher Gottkaiser Tibets war. Nein, kein gütiger wohlwollender Märchenkönig aus einem Fabelland, sondern brutale Feudalisten. Die Mönche monopolisierten das komplette Wirtschafts- und Bildungssystem und beuteten das unterjochte und wehrlose Volk rücksichtslos aus. Wie in unseren Breiten bloß im tiefsten Mittelalter üblich, lebten in Tibet bis in die 50 Jahre des 20. Jahrhunderts 60% der Gesamtbevölkerung als Leibeigene der buddhistischen Mönche in Armut und Ausbeutung und bestellten die gewaltigen Ländereien, die Eigentümer der vielen Klöster waren. Es gab keine Kommunikation oder Handel mit dem Ausland und Neuerungen oder technische Erkenntnisse blieben weitgehend unbekannt.

Im 20. Jahrhundert kam man nicht etwa freiwillig zur Einsicht am System etwas ändern zu müssen oder sah ein Feudalsystem gar als nicht mehr zeitgemäß. Nein erst die Chinesen waren es, die die Klöster ihrer unendlichen Macht enteigneten und die göttlichen Vertreter auf Erden in Zaum wiesen. Vielleicht sollte sich also der eine oder andere Europäer ein bisschen informieren, bevor man jedem scheinbar pazifistischen Kuttenträger der bunte Fähnchen schwingt folgt. Womöglich will man die buddhistischen Mönche in Tibet nämlich gar nicht zurück, wenn die unter Freiheit die Freiheit andere zu unterdrücken verstehen.

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7 Antworten auf »Ach du lieber Buddha!«

  1. was stört dich denn daran? diese kundgebungen?
    offenbar tangiert es dich durchaus, sonst hättest nicht diesen eintrag geschrieben.

    mit dem was du wg der tibetanischen vergangenheit schreibst magst (kann man so was nicht von fast jeder beliebigen region der welt sagen?), aber der springende punkt ist ein anderer:

    ein grosses land annektiert ein nebenan liegendes kleines land mit der begründung “das ist immer schon teil von uns” oder so. und selbst wenn es den bewohnern des kleinen landes früher schlecht gegangen ist heisst es noch lange nicht dass es denen jetzt auch schlecht gehen muss.

    so geschehen bein china/tibet und irak/kuwait.
    nur dass es bei irak/kuwait öl und geld im spiel war und ist. und das deswegen die amis ääääh weltgemeinschaft deswegen den armen, kleinen und reichen kuwait “befreit” hat.

    was mich an dieser sache eher stört ist dass die chinesen jedwelche berichterstattung aus tibet verhindern. wenn es den tibetanern so gut gehen würde wie die anderen behaupten - warum lassen die keinen rein?

    chriss - 9. Mai 2008 um 12:43

  2. mist - mir fehlt ein edit-button
    irgendwie fehlen oben ein paar worte… und auch die reihenfolge könnte anders sein….

    :o

    chriss - 9. Mai 2008 um 12:52

  3. An jeder der größeren Weltreligionen klebt Blut, da ist das in unseren Breiten verbreitete Christentum beleibe keine Ausnahme und der Buddhismus ebenso wenig. Der Unterschied jedoch ist, dass die Buddhisten in Tibet keine Anstalten am Jahrhunderte alten Feudalsystem etwas zu ändern, zur Erinnerung: noch 1950, bevor die Chinesen Tibet annektierten, herrschten dort Zustände, wie man sie bei uns seit dem Mittelalter nicht mehr kennt. Ich glaube wir müssen uns hier jetzt nicht über die Geschichte des Christentums unterhalten, aber ich denke wir sind uns einig, wenn ich sage, dass auch unseren Pfaffen erst kräftig in den Arsch getreten werden musste, ehe sie ihre Besitztümer abgeben mussten.

    Ich habe nie behauptet, dass die Chinesen alles richtig machen und dass die chinesische Herrschaft gut und richtig ist. Ich zweifle allerdings an, dass ein Tibet neuerlich unter buddhistischen Mönchen für die breite Bevölkerung eine Verbesserung darstellen würde. Ich bestreite gar nicht, dass Tibet ein armes Land ist und, dass die chinesische Zensur dies verschleiern will. Aber den Tibetanern ging es - von den Mönchen abgesehen - noch nie besser. Es waren nicht erst die Chinesen, die Tibet an den Rand des Abgrunds wirtschafteten, das haben die Vorgänger der freundlichen Herren die jetzt durch die westliche Hemisphäre touren bereits ganz allein geschafft.

    Was mich nun konkret stört sind wie gesagt nicht die Wünsche einiger Exil-Tibeter an sich, sondern dieses falsche, verlogene Bild, dass der Dalai Lama und Gefolge in Europa verbreitet und damit massenhaft Kundgebungen und Proteste auf den Straßen anstößt, wo dann Leute demonstrieren, die nicht das geringste Interesse für geschichtliche Hintergründe zeigen und stattdessen einfach nur an ein esoterisch verklärtes Bild vom Buddhismus und den Forderungen der tibetischen Mönche haben.

    Ungebildete reaktionäre Leute gibt es nun zugegebenermaßen in Hülle und Fülle, aber die meisten schaffen es zumindest, in ihrer Dummheit nicht aufzufallen. Wenn ich aber alle zwei Tage auf dem Weg zur Uni eben jene Freizeitbuddhisten antreffe, die mich dann mit ihrem Gefasel bequatschen wollen (die sind mittlerweile schlimmer als die Öko-Aktivisten) oder lärmen, dann stört mich das.

    Arno - 9. Mai 2008 um 16:46

  4. Das Problem an den Religionen sind die Menschen.

    leser - 11. Mai 2008 um 08:43

  5. Hachja, Studenten haben’s nicht einfach :). Ich finde die Oeko-Aktivisten aber immer noch besser als diese verlogenen Zeugen Jehovas oder die genannten Buddhisten. Lachen kann ich ueber alle diese Gruppen, ueber diese idiotischen Krawallhorden nicht.

    @leser

    Machen sich die Menschen nicht immer ihre Problem selbst?

    glidesurfer - 12. Mai 2008 um 09:29

  6. glidesurfer:
    Gut möglich.

    leser - 12. Mai 2008 um 18:26

  7. Meistens, der einzige Punkt, wo die üblichen Vorabendsendungen die Realität treffen - die Menschen da suhlen sich ebenso in selbstgeschaffenen Problemen.

    Minuq - 13. Mai 2008 um 01:13

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