Lachen zum falschen Spiel
Es ist erstaunlich, zu welchen unnützen Erkenntnissen der Hardwarehersteller von heute kommt. Vorbei die Zeiten, als ein Telefon eben nur zu genau einem Zweck bestimmt war: telefonieren. Nein, der technikbewusste eloquente Kunde von heute will viel mehr.
Technik-Wahn(-sinn)
So muss das Mobiltelefon von heute seinen Dienst als Terminplaner, Spielekonsole, Internetbrowser, Digitalkamera und Filmabspielgerät tun. Bestes Beispiel ist Apples iPhone, das allerlei lustige Funktionen bis hin zum WLAN in sich vereint und durch ein scheinbar revolutionäres Handling auffällt. Dumm nur, dass man sich nicht auf Grundfunktionen eines Telefons besinnt hat. Zum Beispiel telefonieren, das kann das iPhone nämlich nur eingeschränkt - auf UMTS hat man etwa verzichtet. Vermutlich war dafür kein Platz mehr übrig, da der Browser Safari zuviel weg nimmt.
Den Vogel schießt aber Sony ab. Dort bringt man in Kürze eine neue Digitalkamera auf den Markt. Zunächst erscheint die DSC-T70 wie eine gewöhnliche Kamera mit allerlei hochmodernen Kram, bis auf eine Kleinigkeit, die bei Sony “Smile Shutter” genannt wird. Was der Marketingstratege damit meint: Die Kamera löst automatisch aus, wenn der Fotograf ein lachendes Gesicht fokussiert.
Ja darauf hat die Welt gewartet, eine Kamera die automatisch reihenweise dämlich grinsende, gestellte Aufnahmen produziert, die im sorgsam gepflegten Familienalbum ganze Seiten füllen. So stellt man sich doch den abendlichen Urlaubsbilderabend mit Freunden und Verwandten vor: eine ganzes Album voller grimassen-schneidender Fratzen vor dekorativen Panorama.
Das wirklich schlimme ist nun nicht die Technik, die das ermöglicht, sondern dass der Mensch wirklich solche Fotos will. Ein aufs andere Mal will man sich selbst lachend sehen, vor allerlei komischen Bauwerken, Panoramen und Hintergründen. Anscheinend empfindet man dabei auch noch Zufriedenheit. Das ist, was man will, lachend zum falschen Spiel in die Ewigkeit blickend. Ich verstehe es nicht, was denkt man sich als derartig gesinnter Zeitgenosse, will man sich selbst betrügen? Sich selbst geben, wie man nicht ist? Sich in eine bessere Welt lachen? Was gibt dem Betrachter so ein Foto?
Aber vielleicht passen diese Fotos auch schlicht zum 399 Euro Pauschalurlaub auf Mallorca.
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Nur weil sich die Technik “rasend” schnell entwickelt, muss nicht wirklich ein Sinn dahinter stehen. Die Digitalfotographie hat doch nur scheinbar noch was mit dem urspruenglichen Fotographieren zu tun. Die damals noetigen “Eigenarten” (ich will ein schoenes Foto und hab nur einen - teuren - Versuch: CHEEEESE!) wurden allerdings nicht abgelegt.
Und mal wild ins Blaue filosofiert:
Schoenheitsansprueche, wer grimmig guckt ist medial betrachtet nicht schoen,
vor allem wenn der Mensch weiblich ist, sogenanntes Aesthetikdenken und mangelndes Erinnerungsbewusstsein; verbunden mit einem Leistungsanspruch und Darstellungszwang (Marketing), a la Mein Urlaub in Athen, mein One-Night-Stand 1972, mein Nasenhaarschneider… und damit die Jagd nach einem Stueck Heile Welt - und ich (!) war dabei. Als Beweis gibts hier ein Foto.Ich bin!
madchiq - 14. September 2007 um 09:46
Ich sags ungern, aber du sagst da kluge und richtige Dinge.
Arno - 14. September 2007 um 14:00
Es heißt “besonnen” und nicht “besinnt”. “Besinnt” fällt auch nicht unter die gestärkten Verben und wäre wenn, dann nur eine imo eher dürftige Eigenkreation. Also: Mach das doch bitte mir zuliebe richtig, oder ganz flasch. :o)
Ist aber ein lustiges Verb zum durchkonjugieren -was wiederum mindestens ebenso toll ist, wie das Zählen von Primzahlen-, speziell eben in der Vergangenheit. ;)
Flo - 14. September 2007 um 16:23