Reingehört: Eisregen - Blutbahnen

Nachdem ich heute nebenan bereits das neueste Werk der streitbaren Dimmu Borgir begutachtet habe, mache ich gleich weiter. Gleichzeitig wie die Norweger veröffentlichten nämlich auch Eisregen letzten Freitag ihr neues Album. Blutbahnen nennt es sich und die bloße Existenz von selbigem erscheint schon sonderbar.

Schneuz mir den Kasper

Ursprünglich, so hieß es seitens des Sängers und Texters Michael Roth, sollte Eisregen nämlich als Projekt auf sechs Alben konzipiert sein und mit dem Album “Menschenmaterial” sein Ende finden. Nun, Blutbahnen ist das sechste Album, es heißt nicht Menschenmaterial und der Vertrag mit Massacre ist auch bereits verlängert. Grundsätzlich ein Grund zur Freude, gehöre ich doch zu jenem Volk, das Eisregen mag. Seit Wundwasser flossen drei Jahre lang Blut durch unsere Bahnen, in denen sich einiges veränderte. So steht erwähntes Album seit Ende Februar in Deutschland auf dem Index der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und Violinistin Theresa Trenks wurde wohl unsanft aus der Kapelle befördert. Da für sie bislang kein Ersatz gefunden wurde und der offenbar auch nicht angestrebt wird, steht mit Blutbahnen also wohl ein erneuter Stilwechsel an, weg vom violinenbegleiteteten Dunkelmetall, das Eisregen bekannt machte.

Beim Intro “Auftakt - Eine kleine Schlachtmusik” ist davon noch nichts zu hören, selbst “Eisenkreuzkrieger” lässt noch nichts vermuten. Ein von Streicher getragenes Intro führt zu gewohnten Eisregenklängen. Inhaltlich ist mit einer Erzählung eines Wehrmachtsoldaten, der im Kessel von Stalingrad aus Verzweiflung seinen Kameraden verspeist alles gesagt. Der Text ist dabei gewohnt kompromisslos:

Heut Nacht kam ich dem Franz ganz nah
viel näher als ihm Recht sein konnte
erst habe ich mich an ihm gewärmt
dann sein Kehle durchgetrennt

So offen drückt sich Michael aber nicht mehr oft aus. Soviel vorweg - offenbar fürchtet man mittlerweile erwähnte BpjM sehr. So kommt es dann auch, dass die Texte zwar nach wie vor misanthropisch, stückweise brutal und blutrünstig sind, insgesamt aber braver und sehr viel weniger explizit wirken, wie man das von Eisregen bislang gewohnt ist. Musikalisch schlägt man wieder ruhigere Töne an, die bereits in Wundwasser forciert wurden. So wechseln sich gegröhlte Passagen mit Klartextstrophen und schnelle harte Gitarrenriffs mit melodiösen Breaks ab. Die neue textliche Gemäßigkeit reflektiert sich wunderbar im folgenden Titel “Im Dornenwall” - nach wie vor werden rauhe Töne angeschlagen, ohne jedoch wirklich bissig zu wirken. Offensichtlich will man möglichst wenig Angriffsfläche liefern, das gilt im übrigen auch für “Ein Hauch von Räude”.

Die “17 Kerzen am Dom” sind definitiv jener Titel, der das meiste Potential hat, Kontroversen hervorzurufen. Ich wage zu behaupten, dass es auch eben jene 17 Kerzen am Dom sind, die der Grund für das Veröffentlichungsdatum letzten Donnerstag (den 26. April) waren. An eben jenem Tag nämlich jährt sich der Amoklauf von Erfurt, der hier besungen wird. Im Stile von “Ripper von Rostow” und “Kreuznarbe” erzählt Eisregen die Geschichte des Erfurter Amoklaufs. Musikalisch fällt das Stück ein wenig aus der Reihe und baut auf langsame Rythmen mit einer tragenden Hammondorgel (so meine ich zumindest) und weitgehenden Klartextstrophen. Inhaltlich wird das Thema nüchtern und sachlich abgearbeitet, fast mit peinlicher Genauigkeit: “10 Uhr 35: Robert verlässt das Elternhaus. Die Ottostraße hoch, am ersten Haus links vorbei am Justizgebäude bis zum Hugo-Preuß-Platz. Er braucht 13 Minuten, bis er das Gymnasium erreicht“. Fast steril wirkt auch die Schilderung der Gewalttaten, ehe Sänger und Texter Michael Roth schließlich doch noch über Steinhäuser urteilt: “Er schießt sich in die Schläfe und so endet sein Rachetraum. Denn allen Fragen der Hinterbliebenen entzieht er sich durch diese feige Tat“. und endet mit einem relativ platten:

17 Menschen starben durch Erfurts schlimmsten Sohn
17 Kerzen brannten am Dom und Robert, du warst eine davon
17 Menschen starben für deine zehn Minuten Ruhm

Ganz im Stile vom Vorgängeralbum schließt sich der Titeltrack “Blutbahnen” an. Hier wird nun auch deutlich, dass mehr und mehr das Keyboard die Rolle der Violine einnimmt und zum tragenden Rythmuselement wird. Überhaupt ist dieser Titel sehr ruhig und besinnlich und in reinem Klartext gesungen. Kann es musikalisch durchaus überzeugen, ist der Text nicht viel mehr als Platzfüller, das mag auch für Alphawolf gelten.
“Frischtot” hingegen kann bei mir zumindest überzeugen. Das ist, was ich mir von Eisregen wünsche. Finden sich dort eben all jene Elemente, die Eisregen ausmachen, morbide misanthropische Splattertexte die auf eine seichte Ironie treffen, ein treibend monotoner Rythmus unterbrochen von melodischen Breaks (die hier neuerlich durch das Keyboard bestimmt werden). All dies vereint “Frischtot” in sich und kann dabei vollends überzeugen, inhaltlich drücken diese Zeilen am besten aus, worum es sich dreht:

Ich liebe eine ganz besondere Frau
Sie ist anderen Männern, niemals abgeneigt
Das stört mich nicht, denn eines weiß ich ganz genau
Sie hat sie halt zum Fressen gern
Bis kein Fleisch von ihnen übrig bleibt

Daran schließt sich auch der “Schlachthaus Blues” an, der mit einem ähnlich blutgeilen Text ausgestattet worden ist. Glücklich werde ich mit dem aber nicht, heißt der Song eben nicht umsonst Blues. Nunja …

“Zurück in die Kolonie” gibt sich zwar weniger blutig, kann aber dennoch überzeugen, sowohl textlich als auch musikalisch. An das in Deutschland ebenfalls indizierte Album Krebskolonie anschließend wird ein endzeitlich misanthropisches Bild gezeichnet. Nichts geringeres als die als Auslöschung menschlichen Lebens wird dort thematisiert. Neben Frischtot eines der absolut gelungenen Stücke des Albums. Mit “Schneuz den Kasper” klingt das Album schließlich an. Ein absolut dämlicher Titel, zugegeben und textlich schwer vereinfacht finde ich den Song aber gar nicht so schlecht - auch wenn ich jetzt nicht wirklich durchblicke, was man mir hier phasenweise sagen will. Vielleicht kann mich ja jemand aufklären.

Im Fazit reiht sich Blutbahnen also relativ nahtlos an Wundwasser an und führt den dort eingeschlagenen Weg konsequent fort. Nicht wirklich ein Stilbruch, aber doch evolutionär treten nun Keyboards gegenüber Streicherpassagen in den Vordergrund, das macht mich weniger glücklich. Genauso verhält es sich mit den Texten, die stückweise brav, nichtssagend und glatt wirken. Bisweilen dringt dann aber doch noch die gewünschte Härte durch, so dass Blutbahnen nicht vollends enttäuscht. Nicht der ganz große Schlag, aber Stagnation auf doch ansehnlichen Niveau, das mag als Fazit herhalten.

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Eine Antwort auf »Reingehört: Eisregen - Blutbahnen«

  1. Blutbahnen ist meiner Meinung nach neben KK musikalisch gesehen das beste was jemals von Eisregen veröffentlicht wurde. Textlich meiner Meinung nach etwas zu zart. Aber im großen und ganzen: Perfekt!!!
    Respekt muß ich Eisregen zollen: 17 Kerzen brannten am Dom, und Robert du warst einer davon……….
    Finde es genial, daß ER solche Taten verurteilen und morbide Texte aus Spaß an der Musik verbreiten.
    Macht weiter so.
    Ich freue mich extrem auf Knochenkult. Vielleicht sieht man ja 2T mal wieder.
    Viva la Muerte

    foedom666 - 11. Juli 2007 um 20:33

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