Gestatten: Iceweasel, Debians Sündenfall
Iceweasel? Ein gänzlich unbekannter Name in der Browserwelt. Den Internet Explorer, ja den kennt jeder. Firefox ist auch bekannt, Innenarchitekten mit schwulen Tendenzen sagt auch noch Safari etwas. Aber was um alles in der Welt soll Iceweasel sein? Iceweasel ist Firefox, aber Firefox ist nicht Iceweasel. Noch nicht verwirrt, nein?
Debian ist äußerst züchtig, aber …
Ja, ich bin Debian-Benutzer. Ich gebe das auch offen und ehrlich zu, im Gegenteil, ich bin sogar stolz darauf, Ubuntu nach wie vor auf meinen Desktops zu verbannen. Ich habe schließlich begründete Abneigungen gegen die Distribution, mit dem mehr als bescheuerten Namen. Deswegen läuft auf meinem Desktop beziehungsweise meinem Thinkpad Debian Sid. Ich mache da nicht sehr oft Upgrades. So ist es nicht ungewöhnlich, dass ich sehr viele Upgrades einspielen muss, wenn ich Lust und Laune dafür habe. Genauso wie zuletzt:
snowball:/home/arno# apt-get upgrade Paketlisten werden gelesen... Fertig Abhängigkeitsbaum wird aufgebaut... Fertig Die folgenden Pakete sind zurückgehalten worden:
[.. ]
Die folgenden Pakete werden aktualisiert:
[..]
671 aktualisiert, 0 neu installiert, 0 zu entfernen und 65 nicht aktualisiert. Es müssen 563MB Archive geholt werden. Nach dem Auspacken werden 75,7MB Plattenplatz zusätzlich benutzt. Möchten Sie fortfahren [J/n]?
Nun gut, 563 MB Archive dauern auch mit einer schnellen Internetanbindung eine ganze Weile, also sitzt man als geübter Debianbenutzer während dieses Zeitraumes nicht am Rechner und lässt diesen lieber alleine werkeln. Super dachte ich mir, Firefox 2.0 - wird auch langsam Zeit, dass dies in meinen Tree einfließt.
Entgegen den subversiven Behauptungen latenter Regimegegner läuft mein Upgrade von Sid problemlos durch. Doch, was muss ich dann feststellen? Mein Browser hat ein neues Icon und heißt auf einmal Iceweasel. Tatsache, das Upgrade hat mir Iceweasel installiert. Der Browser sieht aber verdächtig nach Firefox aus, denke ich mir. In der Tat gibt es offenbar sogar die selben Plugins und Theme, wie die, die ich bislang für Firefox benutzt habe.Tatsächlich, mein Iceweasel scheint nur ein normaler Firefox-Browser zu sein, mit neuen Programmbildchen und neuem Namen. Ansonsten hat sich nichts geändert. Nach kurzer Investigation steht fest: das Firefox Logo wurde aus dem Debianpaket entfernt, weil dieses unter einer nicht freien Lizenz steht. Das wiederum verstörte die Mozilla Foundation und entzog Debian die Nutzungsrechte für den Namen “Firefox”, weil diese die eigene Lizenz verletzt sah. Nach einem mehrmonatigen Streit stand schließlich fest: Debian forkt den Firefox-Browser ab, nennt ihn Iceweasel (und Thunderbird übrigens Icedove) und sieht das Problem als erledigt an.
Die elitärste, aller Distributionen am Scheideweg
Es gab eine Zeit, als Linux für den einfachen Anwender anfing benutzbar zu werden, wo einige aufstrebende Firmen wie Red Hat und Suse anfingen, Linux für sich zu entdecken. Alle paar Monate erschien eine neue Version in den Läden, die von bezahlten Paketmaintainern erstellt wurde. Dem stellte sich das Debian Projekt entgegen, das anders als die kommerziellen Distributionen, auf die Anwender setzte. Im Prinzip, kann jeder dort Pakete einstellen, der als Maintainer eines Paketes akzeptiert wird. Diese Benutzerbasis ist dabei selbstverwaltend und reguliert sich selbst. Dazu gibt es den Debian Gesellschaftsvertrag. In dem steht zum Beispiel, über was mit welcher Mehrheit abgestimmt werden muss. Das Prinzip funktioniert dabei seit Jahren und hat sich bewährt, mittlerweile ist man selbst bei Novell (ehemals Suse) und Fedora (von Red Hat) zu diesem Prinzip übergegangen.
Im gleichen Ausmaß ist man bei Debian aber abgehoben und hält sich für die elitärste und freieste Distribution überhaupt. Mittlerweile sieht der Alltag auf den Debian Mailinglisten so aus, dass man dort nämlich praktisch nur noch disktutiert und streitet und es sich mit Projekten verscherzt. Mozilla ist nur das aktuellste Beispiel, cdrtools und der sehr populäre MPlayer sind andere. Debian macht sich mit den seltsamen und selten nachvollziehbaren Gründen für Rausschmisse also ein auf das andere Mal sehr unbeliebt. Mehr als seltsam muten die monatelangen Streitereien über solche Dinge an, angesichts der Tatsache, dass es seit Jahren im Debian Stable Zweig praktisch keine Fortschritte gibt. Zur Erinnerung, Debian Etch, war ursprünglich bereits für Mitte 2006 angekündigt und später auf Oktober 2006 verschoben. Jetzt, Ende Februar 2007 ist man von einem Release noch immer meilenweit entfernt. Kein Wunder, wieso sollte es mit Etch auch besser laufen, als mit dem letzten Stable Release. Wegen Gesellschaftsvertragstreitereien hatte sich Debian Sarge (aktuell noch stable) wie lange verzögert? Ein Jahr? Kein Wunder, dass angesichts dieser Aussichten die Benutzer in Scharen zu Ubuntu laufen - die Institution Debian ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
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Langsam schreibste dich warm, ne? :)
missi - 28. Februar 2007 um 02:01
Vorweg:
Ubuntu hat in der Tat einen doofen Namen, aber ich finde “Debian”, nur weil man sich jetzt über die Jahre dran gewöhnt hat, nicht weniger komisch.
Was die elitäre Distri betrifft, so ist es sicher unbestritten nicht sonderlich schnafte, dass sich da, wenn ich Deinen Beitrag richtig interpretiere, technisch nicht viel zu bewegen scheint, andererseits mal Hand auf’s Herz: wo findet man solch konsequente Vorgehensweise heute noch? ;)
Noch was: Was heisst eigentlich abforken in Bezug auf Firefox? Dass Iceweasel eigenständig weitergefrickelt wird, oder kommt da bei jedem FF-Update ein neuer Fork?
mike - 28. Februar 2007 um 14:30
Bei Debian ist man sich selbst nicht sicher, wie das künftig laufen soll. Gemäß der Debianpolicy werden Sicherheitsupdates weiterhin aus Firefox einfließen, ohne die Browserversion upzugraden (was die Mozilla Foundation übrigens auch bemängelt hat). Künftige Versionen werden wohl wieder von Firefox direkt übernommen - möglich ist aber auch eine Kooperation mit Gnuzilla/Iceweasel (Vorsicht: nicht verwechseln).
Arno - 28. Februar 2007 um 19:04
Als zuechtiger User solltest Du doch in der Lage sein die iceweasel.desktop in /usr/share/applications zu aendern und umzubenennen. Das Binary und das Startscript tragen btw. immer noch den urspruenglichen namen.
Ansonsten wollt ich noch loswerden, dass jemand der ueber “schwule Innendesigner laestert” und “zuechtig” so oft verwendet nicht ueber elitaeres Denken nicht meckern sollte. Ich find es auch bedauerlich, dass du die Notwendigkeit von forks wie bei cdrecord nicht erkennen kannst.
bastard - 28. Februar 2007 um 20:24
Zum Name der Binary täuscht du dich. Die Binary, sämtliche Verzeichnisnamen und Skripte wurden umbenannt. Das betrifft übrigens auch die Strings in der Binary selbst. So meldet sich Iceweasel bei Fehlermeldungen als “Server not found: Iceweasel can’t find the server at xxx” und im User-Agent als ”
, genauso ist der Browsername in den Menüs auf Iceweasel geändert.
Du hast mich aber falsch verstanden, mir ist ziemlich egal ob mein Browser Firefox oder Iceweasel heißt, solange ich keine Probleme mit Plugins und Seiten deswegen kriege (in der Regel werde ich im Moment als Mozilla 1.8 erkannt übrigens). Was mich an Iceweasel wirklich stört, ist dass man bei Debian wesentlich mehr Ressourcen in solche Dinge investiert, als in Fortführung von Debian an sich. Der Stablezweig ist nämlich längst nicht mehr ohne großflächige Verwendung von Repositories wie Dotdeb und Backports benutzbar und eine Besserung ist weder mit Etch noch dessen Nachfolgern in Sicht. Ich will nicht immer “Bleeding Edge” Software, die womöglich aus irgendwelchem CVS-Checkouts kommt, aber ich will auch nicht nur alle drei bis fünf Jahre ein neues Majorrelease - das ist keine Arbeitsgrundlage.
Übrigens möchte ich “Innenarchitekten mit schwulen Tendenzen” auch nicht als Kritik gegenüber Homosexualität verstanden wissen.
Arno - 28. Februar 2007 um 21:28
bastard 2949 5.1 40.7 277460 104188 ? Sl 17:09 14:20 \_ /usr/lib/iceweasel/firefox-bin
auf nem debian sid
Die Dinge die Dich so annerven sind aber eben vorallem rechtlicher Natur und ich find es durchaus verstaendlich diese auf die eine oder andere Art&Weise zu klaeren. Das hat nichts mit elitaer zu tun. In Fedora kannst Du keine mp3s hoeren oder DVDs schauen ohne Rumturnen. Und das obwohl es freie Implementationen gibt. Da ich eher debian sid im pinning mit experimental nutze betrifft mich der Stand der stable Repository nicht wirklich, auch wenn ich den Unmut verstehen kann. Wenn Du Dich im kommerziellen, d.h. Severdistributionen fuer viel Geld, Umfeld aber umsiehst wirst Du merken, dass gerade die teilweise sogar noch “unaktueller” sind. Das Patchlevel bei Redhat ist teilweise jenseits von gut und boese, was natuerlich auch mit den Verifizierungen durch SAP/Oracle zu tun hat. Ein Heimanwender, der Debian stable einsetzt muss mir erst noch ueber den Weg laufen. Debian stable zielt meiner Ansicht nach eher auf den Serverbereich.
Ja, es waere schoen, wenn die Releasezyklen verkuerzt wuerden, aber nicht auf Kosten der “Freiheit”.
Ich verstand es nicht als Kritik an Homosexualitaet, eher als ein Abheben von den ach so daemliche Macusern.
bastard - 1. März 2007 um 22:29
Ich verwalte mehrere Dutzend Linux-Server, auf den allermeisten läuft mittlerweile Ubuntu LTS. Nicht weil ich das toll finde, sondern weil ich mit Sarge erst stundenlang Kernel bauen und Installer patchen muss, bis der überhaupt meine Hardware erkennt. Hast du mal versucht Sarge auf einem Hardware-SAS-Controller zu installieren?
Auch auf Layer 7 sieht es nicht besser aus, was nützt mir eine Distribution mit zuverlässigen und stabilen Paketrevisionen, wenn ich da meinetwegen kein PHP5 habe, was vor mittlerweile drei Jahren freigegeben wurde. Dazu müsste ich Backports von mehr oder weniger ernsthaften Quellen benutzen und mache mir damit das zunichte, wofür Debian so zuverlässig steht. Auf dem Desktop ist mir das egal, da fahre ich genauso wie du mit Sid gut, aber mit diesen Releasezyklen ist Sarge auch auf dem Server unbrauchbar.
Ja, im Enterprisemarkt ist man auch nicht viel schneller, aber dort gibt es wenigstens Updates. In Stable gibt es nur moderate Bugfixes. Jetzt kannst du natürlich wieder argumentieren, dass gerade dies Debian auszeichnet, aber in der Praxis nervt das (und macht dem Debian Paketmaintainer sogar noch mehr Arbeit). Mit der Hardware habe ich sowieso keine Probleme, Enterprisedistributionen zertifizieren auch die Hardware.
Ich mag Debian und ich mag die Ideologie, für die Debian einsteht - aber zu welchem Preis wird die bei Debian praktiziert? Regression ist kein Fortschritt. Seit Woody stagniert Debian auf dem selben Niveau, ohne sich zu verändern, ohne auf die Entwicklungen der letzten fünf Jahre einzugehen. Zum Beispiel das große Thema Virtualisierung - die ging an Debian weitgehend (um nicht zu sagen komplett) vorbei. Nicht, dass man da bei Ubuntu weiter wäre, aber das liegt eher daran, dass man sich da darauf beschränkt von Debian zu klauen.
Wenn die Debian Maintainer so weiter machen, sich in internen Querelen zerstreiten (siehe im Sargevorfeld), sich mit Schilling und der Mozilla Foundation anlegen, solange wird sich Debian nicht weiterentwickeln und das würde ich mehr als schade finden.
Arno - 2. März 2007 um 01:25
Ich verwalte mehrere Dutzend Linux-Server, auf den allermeisten läuft mittlerweile Ubuntu LTS. Nicht weil ich das toll finde, sondern weil ich mit Sarge erst stundenlang Kernel bauen und Installer patchen muss, bis der überhaupt meine Hardware erkennt. Hast du mal versucht Sarge auf einem Hardware-SAS-Controller zu installieren?
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Wie schön das deine Chefs dich nicht unter heftigen Protesten zwingen müssen, sondern der Einsatz von Ubuntu auf Notwendigkeiten und praktischen Überlegungen basiert :)
Zum Beispiel das große Thema Virtualisierung - die ging an Debian weitgehend (um nicht zu sagen komplett) vorbei. Nicht, dass man da bei Ubuntu weiter wäre, aber das liegt eher daran, dass man sich da darauf beschränkt von Debian zu klauen.
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Leider stimmt das afaik so nicht ganz - siehe:
https://help.ubuntu.com/community/XenVirtualMachine/XenOnUbuntuEdgy
Gruß,
Benny
Benny - 2. März 2007 um 21:51
nur nen test, jehnse weiter…….
[07:58] <MissAntroph> ich sollte mich einfach daran gewöhnen… ich lehn mich zurück und du machst das schon … :o)
[07:58] <MissAntroph> ja, der gedanke fängt an, mir zu gefallen
(soviel dann zum thema faulenzen)
……
Missis Notizblock - 8. März 2007 um 08:22
Wieder mal ein Idiot, der den Grund dieser Änderung nicht verstanden hat.
Falls es nicht erwähnt wurde: Debian darf den Browser nicht Firefox benennen und das Icon nicht verwenden, wenn die Software z.B. auch nur durch Sicherheitspatches (!) modifiziert wird.
Debian musste also forken nicht weil Debian so elitär ist, sondern weil Mozilla zu strenge Bedingungen an die Verwendung ihres Markennamens Firefox stellt.
Erst denken, dann bloggen.
hurr - 15. Mai 2008 um 23:07
o_0 also halten wir mal fest
-> du upgradest ein System, ohne vorher zu schauen was da eigentlich gezogen wird und was die Veränderungen sind (gut, bei kernelupdates überflieg ich das auch nur…)
-> du bist nicht in der lage dir Firefox runterzuladen
und beschwerst dich dann, dass Ubuntu ein blöder Name sei.
Wie alt bist du?
13?
detru - 3. Juli 2008 um 08:42
Oha…Ich bin schwul, aber ich nutze “Ubuntu” - möchte aber evtl. bald zu Debian wechseln.
Ob nun Iceweasel, Firefox oder Kickimickiweb - das ist mir alles wurscht, Hauptsache, die Dinger laufen! ;-)
Den Namensstreit zwischen Mozilla und Debian habe auch ich natürlich mitbekommen. Ich finde, beiden Seiten haben irgentwo Recht und Unrecht zu gleich. Das Debian auf 100% freie Software aufbaut, und somit natürlich lizenzrechtliche Probleme mit Mozilla bekommen kann, ist irgentwie logisch.
Andererseits (so meine Meinung) sind beide Seiten auch etwas stur und kleinkariert. Kann man sich nicht in der Mitte einigen, bzw. einen Kompromis schliessen, der allen Beteiligten gerecht wird?
Torsten - 1. August 2008 um 11:14