Privatsphäre im Internet: ein rares Gut
Ich bin naiv, ich gebe es ja zu. Ich bin naiv, da ich mir (schon wieder) die Mühe mache und versuche Menschen darüber aufzuklären, wie es um ihre Privatsphäre im Internet bestellt ist. Das ist naiv, da es ihnen im ersten Leben schon egal ist - wieso sollte es sie also im zweiten interessieren?
Keinen Deut besser verhält es sich nämlich im erwähnten zweiten Leben, wann immer wir uns im Internet bewegen, wann immer wir Webseiten besuchen, E-Mails abrufen oder gar im Internet einkaufen hinterlassen wir Spuren. Deutliche Spuren, die Spurenleser auswerten und analysieren können. Die gute Nachricht ist, dass wir hier den Datenspionen nicht schutzlos ausgeliefert sind - für viele Probleme gibt es Lösungen, eines bleibt aber allen Lösungen gemein, jede einzelne benötigt viel Selbstdisziplin und Sensibilität, insbesondere was persönliche Daten betrifft und wem man diese in die Hände legt.
Was weiß die gemeine Webseite über mich?
Jede Webseite die wir aufrufen, jedem Link den wir folgen senden wir eine ganze Reihe von Informationen mit. Es handelt sich dabei in erster Linie um technische Informationen, etwa die Bildschirmgröße, mit der wir surfen oder welchen Browser und Betriebssystem wir benutzen. Über unsere IP-Adresse, schließt der Webseitenbetreiber auf unser Herkunftsland und mit Hilfsmitteln auch auf unseren (groben) Wohnort.
Für den einzelnen Besucher sind diese Informationen für den Webseitenbetreiber relativ uninteressant. Einzig der “Referer”, die Webadresse über die ein Besucher den Weg auf die eigene Seite fand ist spannend. Diese Informationen sind - vom Referer abgesehen - also allein technischer Natur, etwa um festzustellen, ob der Besucher den Systemanforderungen der Website entspricht. Spannender ist für den Betreiber die Aggregation, eine statistische Auswertung der gesammelten Daten. So kann ich als Betreiber dieser Webseite feststellen, wie viele Personen meine Seiten täglich aufrufen und welche Browser und Betriebssysteme sie verwenden.
Das sind sehr unpersönliche Daten und daher für den Datenschützer nicht sonderlich relevant. Besonders paranoide Zeitgenossen können diese Informationen mit freien Hilfsmitteln unterdrücken, etwa Privoxy. Vorsicht: auch mit diesem Proxy ist man noch nicht anonym! Will man wirklich anonym surfen, bedarf es anderer Ansätze.
Was wissen Menschen, die mir E-Mails schicken über mich?
Microsoft ist ja dafür bekannt, offene Standards zu unterwandern und durch eigene Erweiterungen zu versehen. Ein Beispiel ist etwa die “Lesebestätigung”, eine Aufforderung an den Empfänger einer E-Mail eben eine Bestätigung an den Absender zu schicken, dass eine E-Mail gelesen wurde. Der praktische Nutzen hält sich in Grenzen und daher sollte diese generell deaktiviert werden. Im Thunderbird kann man die Lesebestätigung sehr einfach ein für alle mal deaktivieren: “Bearbeiten > Einstellungen > Verfassen > Allgemein > Empfangsbestätigungen”. Dort “Nie eine Empfangsbestätigung senden” wählen.
Zugegeben, diese Methode einer Lesebestätigung ist nicht hintertückisch, sondern offen. Sie ist damit nicht ganz so schlimm, wie ein “Web-Bug”. Dieser kommt durch das nächste unsägliche Phänomen: HTML-E-Mails. Diese sind überhaupt ein Werk Satans höchstselbst und gehören grundsätzlich in den Müll. Denn HTML-Mails bergen eine große Zahl zusätzlicher, hier nicht erwähnter Sicherheitslücken. Zurück beim Thema: HTML bietet die Möglichkeit, Bilder in den Fließtext einzubinden. Nun muss ein Bild aber nicht zwingend groß oder sichtbar sein. Ein Web-Bug ist ein (meistens) 1×1-Pixel großes Bild, in Hintergrundfarbe oder transparent, verlinkt auf einem Webserver des Absenders.
Ruft der Empfänger der präparierten E-Mail diese auf, wird im Hintergrund jenes Bild geladen - der Absender weiß mit absoluter Sicherheit, dass der Empfänger die E-Mail gelesen hat (zusätzlich mit weiteren Informationen, siehe entsprechender Abschnitt). Züchtige Mailclients, wie Thunderbird bieten natürlich auch hier Abhilfe. Unter “Bearbeiten > Einstellungen > Datenschutz > Allgemein” findet sich eine Option, die das Nachladen von Bildern verhindert. Diese sollte tunlichst aktiviert werden.
Was weiß Google über mich?
Eigentlich füllt das Thema “Datamining”, die gezielte Datensammlung, bei Google ganze Artikel. Das ist auch ganz einfach nachvollziehbar: was ist das Kerngeschäft von Google? Die Verarbeitung von Informationen. Gierig saugt die Maschine Google alles auf, was man ihr in den Höllenschlund wirft. Genau das machen wir Google immer einfacher, indem wir dankbar die vielen kostenlosen Google Services benutzen. Damit füttern wir Google mit unseren Kaufpräferenzen, mit unseren Problemen, mit unseren privaten Dateien, unseren Lesegewohnheiten und den Webseiten die wir besuchen.
Seit einiger Zeit gibt es den Google-Mail-Dienst, im Prinzip ein Freemailanbieter wie die anderen auch. Man kann E-Mails verschicken, empfangen und man hat auch sonst allerlei nützliche Helfer, die dem Anwender das Leben mit Spam und Viren einfacher machen (GnuPG gehört übrigens nicht dazu - Preisfrage: wieso?). Ein Detail unterscheidet Google-Mail aber von anderen Anbietern: Google bietet wesentlich mehr Speicherplatz für E-Mails als Konkurrenten, mittlerweile zweieinhalb Gigabyte. Meine erste Festplatte war kleiner. Praktischerweise kann man auch gleich die Suchtechnologie von Google dazu verwenden, E-Mails wiederzufinden. Man muss E-Mails also nie wieder löschen, sie sind schließlich gut aufgehoben.
Äußerst freundlich und offen, ja fast schon frech lesen sich die Datenschutzbestimmungen von Google. Kein Juristendeutsch, keine schwer verständlichen Paragraphen und scheinbar alles offen für den Anwender. Beispiel Google Mail (der sich wiederholende Satz im Zitat steht zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Textes wirklich so bei Google. Vielleicht will man dem Nachdruck verleihen):
Gerüchten zufolge plant Google Kopien von E-Mail-Nachrichten von Nutzern zurückzubehalten, selbst nachdem sie diese gelöscht oder ihr Konto geschlossen haben. Dies ist schlicht und einfach falsch. Google speichert mehrfache Backup-Kopien von Nachrichten, um diese sowie die Konten bei Fehlern oder Systemausfällen wiederherstellen zu können. Google speichert mehrfache Backup-Kopien von Nachrichten, um diese sowie die Konten bei Fehlern oder Systemausfällen wiederherstellen zu können.Ihre gesendeten oder empfangenen Nachrichten verbleiben daher unter Umständen für eine gewisse Zeit in unseren Backup-Systemen, auch wenn eine Nachricht gelöscht wurde oder ein Konto nicht mehr aktiv sein sollte. Dies entspricht dem Industriestandard und wird von Google Mail und anderen großen Webmail-Services durchgeführt, um seinen Nutzern einen zuverlässigen Service zu bieten. Wir sind jedoch bestrebt, gelöschte Informationen so schnell, wie es angebracht ist, aus unseren Systemen zu löschen.
Google zeigt sich also beleidigt ob der Vorwürfe, Google würde Daten sammeln und weißt gleichzeitig darauf hin, das E-Mails (selbst offenbar gelöschte) selbstverständlich gelöscht werden, aber nicht sofort. Auch nicht innerhalb einer gewissen Frist. Irgendwann. Morgen? In einer Woche? In einem Monat? In einem Jahr? In zehn Jahren? Wer weiß. Was bewegt Google bloß, so viele Daten zu sammeln und womöglich nie wieder freizugeben?
Um diese Fragen beantworten zu können, muss man wissen, womit Google Geld verdient. Die Antwort hierauf ist Werbung - und die Geschäfte laufen sehr gut. Ende 2006 machte Google einen Gutteil des Umsatzes mit Werbung - ein hartes Geschäft. Erfolgreich ist hier nur, wer möglichst passende Werbung der anvisierten Zielgruppe präsentiert. Nur durch Klicks, durch Provisionen verdient Google Geld - man muss kein Marktexperte sein um zu verstehen, dass die Bereitschaft des Betrachters auf Werbung einzugehen maßgeblich davon abhängt, der Zielgruppe des Produktes zu entsprechen. Wenn ich als armer Student Werbung für eine neue Segelyacht sehe, ist die Chance relativ gering, dass ich auf den Banner klicke. Es ist also ein reines Eigeninteresse von Google möglichst viel über seine Benutzer zu erfahren. Je mehr Google über mich weiß, desto präziser kann mich Google einer Zielgruppe zuordnen. Je besser und exakter diese Zuordnung gelingt, um so benutzerabhängiger, um so personalisierter kann mir Google Werbung zeigen.
Fast schon scheinheilig verteidigt der US-Konzern diese Geschäftspraktik (wieder aus den Google-Mail Datenschutzbestimmungen):
Als wir mit dem begrenzten Test von Google Mail begannen, erwarteten wir, dass unser Service reges Interesse hervorrufen würde. Was wir nicht erwartet hatten, war die Reaktion einiger privater Aktivisten, Redakteure und Gesetzgeber, von denen viele Google Mail aburteilten, ohne es zuvor mit eigenen Augen gesehen zu haben.
Fast schon kriminell offen schmeißen wir Google diese Daten hinterher, ohne dass uns das oft auch noch bewusst wäre.
- Google weiß welche Webseiten wir besuchen. Neun von zehn Benutzern im Internet suchen Webseiten mit Google - natürlich merkt sich Google, welche Links wir dabei anklicken. Einige benutzen auch die Google-Toolbar und den Google Proxy für mobile Endgeräte (da Google Webseiten auf die geringe Handy/PDA-Auflösung anpasst) - damit kann sich Google praktischerweise auch gleich sämtliche aufgerufenen Webseiten und Klickpfade merken. Mit Google Analytics übergeben Webseitenbetreiber (übrigens auch ich …) Informationen über Besucher ihrer Webseiten an den Konzern.
- Google weiß, wofür wir uns interessieren und welche Parteien wir (eventuell) wählen, denn selbstverständlich gibt es suchbare News, wo wir auch freudig und offen jene Themen eingeben, die uns gerade berühren.
- Google weiß, was wir uns zu Weihnachten wünschen, denn über Froogle sagen wir Google, welche Produkte wir gerne hätten.
- Google weiß, mit wem wir kommunizieren, denn unseren öffentlichen (Google Groups) und privaten E-Mails (Google Mail - wie gehabt) legen wir auch in die Hände des Datenkraken.
- Über die zugekauften Social-Network-Dienste “YouTube“, “blogger.com” und “Orkut” geben wir noch viel mehr Informationen über Freunde, Neigungen (auch sexueller Natur) und Interessen in die Hände Googles
- Google weiß, welche Word-Dokumente, Fotos und Pornofilme wir auf unserer Festplatte speichern, wir geben nämlich Google mit der hauseigenen Desktop-Suche freiwillig Zugriff darauf.
Allerdings gibt es auch einen Grund, warum Google verdienter Marktführer im Segment ist und ehemalige Konkurrenten, wie Altavista in die Bedeutungslosigkeit verbannt hat: Google hat ganz einfach die ausgereifteste und fortgeschrittenste Technologie. So bitter es angesichts obiger Kritikpunkte auch klingt, an Google führt momentan kein Weg vorbei. Aus diesem Grund gilt es überlegt zu handeln und Google nur vorsichtig und überlegt zu nutzen, gelegentlich Cookies zu löschen und “Google Accounts” zu vermeiden. Desktopsuche und Google Mail brauch weiterhin kein Mensch und sind unzüchtig.
Was wissen Werbepartner über mich?
Das (deutsche) Geschäft mit der Onlinewerbung teilen sich eine handvoll Anbieter. Googles Adsense Programm ist hierbei überlegen Marktführer, andere bekannte Anbieter sind Falk eSolutions (nunmehr zu Doubleclick gehörend) und andere. Webmaster zehntausender Seiten binden das Bannerwerbungssystem dieser Anbieter in ihre Webseiten ein und erhalten dafür eine Provision. Durch diese Oligarchie, der Verteilung auf sehr wenige Werbepartner, stoßen wir bei Besuch unserer favorisierten Webseiten auf immer wieder die selben Bannerwerbungsanbieter.
Durch Cookies und Sitzungsdaten, wird unser Weg durch das Internet durch diese Anbieter also (annähernd) flächendeckend verfolgt. Die Werbepartner wissen, zu welcher Uhrzeit wir uns auf welchen Webseiten bewegen, wie lange wir dort verweilen und welchen Inhalt wir uns dort ansehen. Das Ziel ist, möglichst viel über den Besucher zu erfahren, möglichst exakt zu wissen, welche Präferenzen der Besucher hat, wofür er sich interessiert. Nur so ist zielgerichtete Werbung möglich - beim Fernsehen träumt man von solchen Möglichkeiten.
Werbung ist also nicht nur lästig, sondern auch ein Gefährdung unserer Privatsphäre. Benutzt man einen ordentlichen Browser, kann man sich dieses Problems relativ einfach entledigen, indem man einen Werbeblocker installiert. Firefox-Benutzern würde ich Adblock empfehlen. Dieser fragt Werbung, die auf der Filterliste steht gar nicht erst an, die Werbepartner wissen also im Idealfall gar nicht, dass wir existieren - erstrebenswert, meiner Meinung nach.
Was weiß Amazon über mich?
Natürlich ist nicht nur Google, nein auch Amazon bestrebt, möglichst viel über seine Besucher, potentielle Kunden herauszufinden. Der einzige Unterschied ist das Motiv. Amazon ist ein Online-Versandhandel, Amazon möchte Produkte verkaufen. Dazu merkt sich Amazon jeden einzelnen Artikel, den wir jemals angesehen haben, jeden Suchbegriff, den wir jemals in die Suchmaske eingegeben haben. In Verbindung mit gekauften Artikeln, beziehungsweise Artikeln, die auf den Wunschlisten stehen generiert Amazon detaillierte Profile über die potentiellen Käufer. Übrigens hat auch Amazon ein Werbepartnerprogramm, das sich auf vielen Tausend Webseiten einnistet.
Ist sich Amazon besonders sicher, dass mir ein Artikel gefallen könnte, schickt es sogar E-Mails:
Liebe Kundin, lieber Kunde! Wir haben festgestellt, dass Kunden, die Interesse für "Völkerball (Special Edition 2 DVD + CD / DVD-Package)" gezeigt haben, auch "Böhse Onkelz - Vaya con tioz (4 DVDs)" als DVD bestellt haben. Daher möchten wir Sie darüber informieren, dass "Böhse Onkelz - Vaya con tioz (4 DVDs)" nun auf DVD erhältlich ist. Bestellen Sie jetzt Ihr Exemplar! Böhse Onkelz - Vaya con tioz (4 DVDs) Böhse Onkelz Preis: EUR 82,95
Ja, das ist ein semantischer Fehler in der E-Mail, aber ich habe mir erwähnte Onkelz-DVD tatsächlich gekauft, wenn auch nicht bei Amazon. Das zeigt doch nur, wie gut das System funktioniert.
Sowohl für Google, als auch für Amazon gilt: wir müssen sehr behutsam sein, mit Daten die wir an Konzerne wie diese übermitteln, denn diese vergessen nichts. Niemals.
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[...] Hier tease ich ein wenig googlisches Datenschutzverständnis an und in der Zwischenzeit tickert und serviert der Nichtblogger Onkelchen nebenan das volles Brett. [...]
Von Webkäfern und Datenkraken » Missis Notizblock - 24. Februar 2007 um 00:57
[...] Rabenhorst, Soziopathen?, Material Anti-Happy-Slapping, TFFFFF (Widerruf der Genehmigung zur Speicherung meiner Daten für werbliche Zwecke), Unzuechtiges Google, Anti-Terrorismus, Das neue Telemediengesetz, Browser-Info, Browser-Statistik, Genderblogging, Mouthrevolution, Laufende Tische und hyperdynamische Sofas « Die Groesse macht’s | [...]
Links fuer Februar » just madchiq! - 1. März 2007 um 23:16
Hi, also erst mal meinen Dank für den guten Artikel, aber:
-hab ich nix gegen auf mich zugerichtete Werbung
-gebe ich nichts >essenzielles< von mir Preis
-kann man da aufklären was man will, da niemand hier wirklich auf google oder amazon verzichten will :)
Trotzdem schön geschrieben, jedoch wäre es noch gut gewesen wenn du ein paar Tipps zur Anonymisierung gegeben hättest (Tor, mehr über Proxys, so ne Art 10 goldene Regeln auf was man achten muss…)
Gruß
Ikke - 14. Mai 2008 um 06:04
Falls noch nicht bekannt - sollte man sich mal anschauen ;)
http://media.aperto.de/google_epic2015_de.html
FreaKzero - 17. September 2008 um 02:15