Windows Vista ist Unfug - aber Linux auch
In wenigen Tagen wird Microsofts neuester Streich, Windows Vista in den Läden stehen und den Privatnutzern zugänglich gemacht. Natürlich ist Vista das stabliste und beste Windows, das es je gab und überhaupt sei alles neu. So zumindest die Propaganda aus Redmond (wie bei jedem Windows zuvor auch).
Alte Technik unter neuer Aufmachung
Beim ersten Start von Vista fällt dem Anwender sofort das neue “Look and Feel”, die neue Oberfläche im Auge - falls der Benutzer die nötigen Lizenzen dazu hat. Billigere Windows Vista Versionen kommen gar nicht erst mit “Aero”, so der Name dieser Oberfläche. Billig ist hier rein metaphorisch, immerhin kostet die Windows Vista Home Basic Upgrade Version ohne “Aero” bereits 130 Euro, wobei die Preise bei 500 Euro enden. Selbstverständlich ist dabei auch ein entsprechender Grafiktreiber Voraussetzung, der natürlich nicht alle Grafikkarten unterstützt und schon gar kein OpenGL. Immerhin würde man mit der Unterstützung von OpenGL auch einen freien Standard unterstützen - unzumutbar.
Nun kommt Vista also (vermutlich) in neuem Gewand, aber ansonsten halten sich die Neuerungen in Grenzen. Zumal diese grafische Oberfläche sowohl aus XGL, als auch in OSX weitgehend bekannt ist. In erster Linie bietet Vista also Schnickschnack - mehr oder weniger sinnvoll. Zum Beispiel eine neue Desktopsuche von Mac OS X “übernommen” und Neuerungen im Detail (Prozessmanager, Sidebars, Weltzeituhr (ja - ernsthaft)). Dann und wann finden sich sogar sinnvolle Neuerung, zum Beispiel Unterstützung vom NX-Bit, das auf CPU-Ebene Programmen die Ausführung verweigert.
Der Kern des Betriebssystems besteht nach wie vor aus dem alten (aber stabilen - ja, das gestehe ich ein) Windows 2000 Kern, den bereits XP verwendet hat. Der große Sprung ist Vista also nicht, es sei denn in technischer Hinsicht. Denn Vista setzt die Systemvoraussetzungen auf das Niveau eines modernen 3D-Action-Shooters. Ein 2,5-GHz-PC der neuesten Generation sollte es schon sein, möglichst mit ein bis zwei Gigabyte RAM. Ein tertiärer Flash-Speicher (ein - eventuell fest installierter - “USB-Stick”) sollte sowieso als Auslagerspeicher vorhanden sein.
Wenn diese Systemvoraussetzungen nicht abschrecken, dann erwarten dem Anwender tatsächlich noch einige Neuerungen, die bislang unerwähnt blieben: massiver Ausbau der digitalen Rechteverwaltung.
DRM …
Evolutionäre Maßstäbe setzt Microsoft nämlich nur in diesem Punkt: digitale Rechteverwaltung. Diese sind nun allgegenwärtig und schränken den Benutzer viel weiter als bisher gekannt ein. DRM begegnet dem Vistaanwender nun überall. Videos und Musik können nur noch eingeschränkt abgespielt werden, eventuell auch nur in künstlich verringerter Qualität. Weiter gibt es Schutz vor “Hacker-Tools” - ein de-dacto Verbot von nicht signierter (also von Microsoft abgesegneter Software). WGA ist praktischerweise auch gleich integriert - das ist eine Methode, um festzustellen ob eine Windows Version legal lizenziert ist.
Praktischerweise kann der Administrator nun auch ohne Zusatzsoftware Rechte festlegen, welche Programme ausgeführt werden dürfen oder wann von wem wie lange auf das Internet zugegriffen werden darf.
Neben wenig Neuerungen, lockt Microsoft also mit einer neuen Oberfläche die Kunden, die dafür freiwillig eine Software bestimmen lassen, wann sie was auf ihrem eigenen Computer dürfen. Soweit sind wir also gekommen, aber hauptsache alles schimmert bunt und neu. Denn eines ist gewiss: Vista wird sich natürlich ebenfalls wieder durchsetzen. Denn das ist der Vorteil eines Monopolisten, nicht der Markt oder der Bedarf bestimmt die Nachfrage, sondern das Angebot. Das einzige Angebot. So werden natürlich wieder sämtliche Neucomputer mit Vista ausgeliefert werden und Software ausschließlich für Vista erscheinen ohne das Konkurrenten am Erfolg teilhaben dürften. Nach wie vor betreibt Microsoft eine aggressive Verdrängungsstrategie. Nach wie vor verdrängt Microsoft offene Standards (OpenGL, Kerberos) oder gibt andere nicht für die Konkurrenz frei. Das sieht man in Europa zum Glück anders.
… und Ignoranz
Denn das “European Committee for Interoperable Systems” hat erneut festgestellt, dass Microsoft nach wie vor gegen Wettbewerbsauflagen verstößt (Der Standard berichtet, siehe auch bei Heise). 2004 musste Microsoft bereits 480 Millionen Euro Strafe zahlen, weil man die Monopolstellung zu nutzen wusste. Nun, mit anstehendem Vista steht der selbe Vorwurf erneut gegen Microsoft und zeigt sich dabei unbelehrbar wie je - diesmal geht es um XAML.
Mit Sicherheit ist Microsoft des Vorwurfs schuldig. Mit Sicherheit wird Microsoft dafür auch verurteilt werden. Womöglich auch zu einer ähnlich hohen Strafe wie 2004 - aber scheren wird das Microsoft nicht. Was sind ein paar Millionen Euro gegen ein Monopol in einem Milliardenmarkt?
Dummerweise gibt es aber auch keine Alternativen zu Windows. Macs beispielsweise funktionieren in ihrer kleinen bunten Welt ganz toll (Rechtsklick? Was ist denn das um Himmels Willen?) und die Synchronisation mit dem iPod tut auch wunderbar, aber wehe dem armen Mac-Benutzer der auf einmal die große weite Welt erkunden möchte, aber entdecken muss, dass es dummerweise für Anforderung X keine Möglichkeit unter Mac OS X gibt. Das Problem löst man neuerdings so, dass die neuen Intel-Macs ganz offiziell Windows booten können.
Bleibt es also an freien Betriebssystemen, den Kahn zu retten. Aber auch diese leiden an vermeidbaren Problemen. Die meisten davon sind hausgemacht und aufgrund zugrundeliegender Prinzipien unverrückbar.
Das Open-Source-Problem
Linux ist gut und züchtig - muss es ja, schließlich verwende ich dies höchstselbst. Linux bietet mir, was ich brauche und es ermöglicht mir auch den nötigen Freiraum, den ich von einem Betriebssystem beanspruche. Dabei bietet Linux alles, was man von einem modernen Betriebssystem erwartet, ohne jedoch aufdringlich zu wirken - denn Linux lässt mir die Wahl. Entgegen verbreiteter Gerüchte, ist es auch kein Bastlersystem, es verrichtet bei mir auf jedem Arbeitsplatz treu seinen Dienst und tut, was man von einem Betriebssystem erwartet: im Hintergrund bleiben, ohne sich ungefragt einzumischen. Scheinbar ideale Grundlagen für ein anwenderfreundliches Betriebssystem - dem ist aber leider nicht ganz so.
Der Punkt ist: Linux macht mich glücklich, nicht aber den großen Rest der Anwender. Denn diese sind womöglich nicht so technikaffin, nicht so aufgeschlossen gegenüber tieferliegenden Betriebssystemkonzepten. Es ist nicht das Konzept von Linux, nicht die etwas antiquiert wirkende aber hier nach wie vor dominante Shell, nicht die Grundsatzunterschiede zu Windows, was an Linux problematisch ist. Es sind auch nicht Anfängerhürden oder eine (zugegeben) höhere Einarbeitungszeit. Es ist auch nicht die Notwendigkeit unter Linux anzufangen Dokumentationen zu lesen. Das größte Problem von Linux, von FreeBSD oder jedem anderen freien Betriebssystem ist zugleich auch ihr größter Vorteil. Es ist der Pluralismus - es ist die Möglichkeit zu jeder noch so kleinen Anwendung Alternativen zu haben. Linux oder Free/Open/Net/Foo BSD, KDE oder Gnome, Vim oder Emacs, ReiserFS oder ext3, bash oder zsh und so weiter und so weiter. Freie Software ist tatsächlich jener Basar, den Eric S. Raymond beschrieb.
Viele Projekte wuchern wild durcheinander, ohne aufeinander abgestimmt zu sein. Nun hat zwar jeder seine Kombination die glücklich macht (Debian, KDE, bash, Firefox, xchat, vim FTW!!!!einseinselfelf), aber letzten Endes, bringt das bei der täglichen Anwendung immer wieder Probleme, die den einfachen Anwender zu Verzweiflung bringen.
Beispiel: KDE integriert hochbequeme KIO-Slaves, Ein- und Ausgabe Handles für kdebasierte Programme. Damit ist es zum Beispiel möglich, über Adressen wie “smb:///arno@entfernterrechner/freigabe/datei.ext” auf entfernte Dateien im Netzwerk zuzugreifen und diese in beliebigen KDE-Applikationen zu öffnen. So kann ich erwähnte Adresse im KDE-Bildbetrachtungsprogramm öffnen, nicht aber im GTK-Bildmanipulationsprogramm Gimp und schon gar nicht in der Konsole. Das ist für mich lästig, für den einfachen Anwender eine unüberwindbare Hürde. Natürlich gibt es Bestrebungen, hier eine Homogenisierung zu schaffen, doch wird diese genauso scheitern, wie die Tatsache, dass man nicht von Anfang an auf eine einheitliche Lösung gesetzt hat: jeder ist überzeugt, die eigene Lösung sei die Beste.
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Schoener Beitrag, gut geschrieben! Weiter so.
Cemil - 29. Januar 2007 um 18:59
das ist ajax
Benny - 6. Februar 2007 um 00:52
Dein letzer Satz ist leider vollkommen korrekt! anstatt sich so manche Projekte zusammen tun, strebt jeder nach “world domination” . Nervig aber nicht umgehbar. Aber für “Umsteiger” im ersten oder sogar zweiten Moment der Grund sich wieder abzuwenden.
Sehr schöner Beitrag!
helios - 22. Juni 2007 um 17:25
Ein Review von Akonadi unter KDE4 wäre interessant - der Akonadi-Server könnte in genau diese Bresche springen afaik
Tscheesy - 4. Juli 2008 um 19:11
Klar ist es richtig dass die Vielfalt unter Linux, die ja schon mit den Distributionen anfängt einem Einsteiger Probleme macht aber ich sehe da auch einen großen vorteil drin.
Zum Bleistift habe ich erst nach vielem rumprobieren meinem “lieblings” VM gefunden, und da gibt es auch nicht DIE LÖSUNG, ich setze da auch auf wmii und gnome, je nachdem was gerade am besten zu meiner Arbeit passt. Und genau dass ist auch der Vorteil: man muss zwar suchen und es entstehen Probleme aber die sind lös- und umgehbar und nur so kann man ein OS bieten welches den meisten Ansprüchen gerecht wird.
Linux war auch nie als OS für den Durchschnitts-User gedacht hat sich aber glücklicher Weise dahin entwickelt, sonst wäre ich auch nicht daran geraten.
Lieber Vielfalt durch Chaos als Einschränkung durch Monopol - um es mal etwas überspitzt darzustellen.
Cpt. Rick - 4. Juli 2008 um 23:01