Konzert: End of Green in der Szene Wien

Wenn man vor der Halle, die eigentlich ein Keller ist, einen Mietwagen für Selberfahrer vorfindet mit dem die Band anreist, am Merchandisestand etwas gelangweilt und - das Rauchverbot ignorierend - Bandmitglieder selbst T-Shirts verkaufen, Sänger und Gitarristen des Headliners unbehelligt im Zuschauerraum Bier trinkend die Vorgruppe ansehen und selbige eine kaum entwachsene Schülerband ist, dann weiß man: Man ist weit abseits des kommerzialisierten Mainstreams.

Was für eine Szene in der Szene

Die Szene Wien wurde letztes Jahr vom Betreiber des ehemaligen Planet Music übernommen und ist damit zur ersten Wahl für kleinere Konzerte alternativer Bands, wie heute eben End of Green wurde. Mir war von Anfang an klar, dass die Zuschauer in solchen Randgruppenkonzerten nicht mit Slipknot mithalten können aber, dass selbst Sunn O))) mehr Zuschauer anzogen, hätte ich nicht erwartet. Die ohnehin kleine Szene war nämlich nur zu gut zwei Dritteln gefüllt und das obwohl man vorab bereits den hinteren Teil der Halle mit einem Vorhang abgehangen hatte.

So verfolgten neben mir lediglich geschätzte 250 weitere Zuseher das nicht ausverkaufte Konzert, teilweise wie gesagt inklusive Michael Huber, der sich neuerdings Michelle Darkness nennt, der später selbst noch auf der Bühne als Sänger und Frontmann von End of Green stand. Die restlichen Zuschauer nahmen das gelassen - oder haben ihn nicht erkannt - was allerdings gar nicht so schwierig war, war er doch exakt wie auf dem Cover seines Soloalbums aus gestylt und angezogen, passte sich damit aber durchwegs dem Publikum an. Die durchgängig dunkel gekleideten Zuschauer kamen zudem vereinzelt in Boots, Korsagen und schwarzen Mänteln. Das überraschte mich einigermaßen, da End of Green prädestiniert für die Gothic-Szene sind, vielleicht blieben die aber auch aus Furcht vor der Schweinegrippe zu Hause. Apropos Schweinegrippe: Der Bassist der Band fiel kurzfristig krankheitsbedingt aus, sodass man kurzfristig und ohne Proben einen Bekannten “morgens ins Auto packte, weil der eigentliche Bassist krank - bestimmt mit Schweinegrippe - im Bett liegt”. Ich fand, dafür, dass der gute Mann ohne Proben und Vorbereitung ein komplettes Set einer fremden Band durchspielte, machte er seine Sache gut. Allerdings ist die Bassspur auch bestimmt nicht der komplexeste Teil, in den Untiefen eines End of Green Songs.

Als Vorgruppe traten, wohl kurzfristig für Jack Frost eingesprungen, Sympathy for Nothing auf, die Gewinner des “International Band Awards” 2008, der vom Planet Music selbst veranstaltet wird. Mir persönlich wird die Band auch nicht in bleibender Erinnerung bleiben, da ich mit emotional angehauchtem Metalcore per se nicht viel anfangen kann, aber auch geniale, ausgefeilte und tiefgründige Texte wie “Don’t fuck my heart bitch” in einer Endlosschleife tragen nicht unbedingt dazu bei, bei mir Aufmerksamkeit zu erregen. Insbesondere dann nicht, wenn die Ansagen dazwischen in schlimmsten oberösterreichischem Dialekt vorgetragen werden. Meine Furcht, dass Herr Darkness als echter Schwabe bei seinen Ansagen ebenso übel im schwäbischen Dialekt lallen würde, bestätigte sich aber - gelobt sei der Herr - nicht, soviel vorweg. Immerhin hat der Schlagzeuger erwähnter Nachwuchskapelle allerdings durchaus Talent (wie auch ein nicht ganz neutraler Wikipedia Artikel untermauert), fraglich bleibt allerdings ob eine Vorgruppe mit einem 50 Minuten Set darin zwingend ein Schlagzeugsolo unterbringen muss.

Nach kurzer Umbauphase und unspektakulärem Bühnenauftritt eröffneten End of Green dann schließlich ihr Set, das hauptsächlich Songs der letzten drei Alben enthielt und mit “Dead City Lights” vom aktuellsten Album eröffnet wurde. End of Green gehört zu den wenigen Gothic Bands mit ernsthaften Texten, stimmiger Musik und einem sehr guten Sänger mit klarer, tiefer Stimme (es sei denn, der gute schwäbelt …) - das ist der Hauptgrund, warum ich diese im Gegensatz zu vielen anderen “Dark Rock” Bands ernstnehmen kann, ohne dass es peinlich wird. Textlich behandelt man alle seelischen Abgründe, passend zur Jahreseit und der depressiven Melancholie des Herbstes. Live klingen End of Green übrigens anders als auf den Alben, weniger glatt, und abgestimmt, aber dafür roher, rotziger und auch ein ganzes Stück härter. Insbesondere Sänger Michelle Darkness interpretiert live seine Songs einigermaßen frei und variiert hier und da die eine oder andere Tonlage, zuweilen allerdings auch ein wenig schief. Vielleicht war er aber auch nur abgelenkt, weil er zuweilen zu sehr ungünstigen Zeitpunkten gerade eine Zigarette im Mund hatte, während die Hände mit Gitarre spielen beschäftigt waren, sodass keine Gliedmaßen, während der Gesangsparts zum halten frei waren.

Weiterhin kann ich mich an die Songs “Drink myself to Sleep”, “Sad Song”, “My Crying Veins”, “Killhoney”, “Pain Hates Me” erinnern. Zwischendurch leistete sich ein Gitarrist, oder auch mal der Schlagzeuger grobe Schnitzer, die jedes Mal von Michelle mit einem bösen, konsterniertem Blick gewürdigt wurden, der mich jedes Mal aufs neue zum grinsen brachte. Insgesamt wirkte das ganze Set zwar routiniert und stimmig, aber einigermaßen unspektakulär und die improvisierte Lichtshow wollte auch nicht so ganz zu den Songs passen. Die Bewegungen auf der Bühne hielten sich sehr in Grenzen, um nicht gar den Begriff starr wie eine Salzsäule zu verwenden. Das mag womöglich erklären, warum End of Green live offenbar kein Besuchermagnet sind, obgleich die Ticketpreise mit 16 Euro für die heutigen Zeiten sehr moderat waren. Nach etwas über einer Stunde Spielzeit, sprangen die Boten des Endes jeder Hoffnung bereits das erste Mal von der Bühne, nur um sich kurz darauf nach einer Raucherpause wieder zu zeigen und eine halbstündige Zugabe zu spielen.

Die Zugabe zur Zugabe klang schließlich stimmungsvoll (und einem großen Patzer des Schlagzeugers mit zugehörigem erwarteten Blick von Sänger Michelle) mit “Bury me Down” aus, der auch im Publikum sehr gut ankam. Zum Abschluss legte man noch zwei akustische Songs nach, einer davon “Tragedy Insane” in der unplugged Version, die letztes Jahr als Bonus “Sickoustic EP” zu “The Sick’s Sense” veröffentlicht wurde.

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